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De-/Re-/Konstruktion: Raum, Zeit, Erinnerungen

Aneta Stojnic & Nikola Dedic »

Teilnehmende KünstlerInnen:

Marina Gržinić
TkH (Walking Theory)
Danilo Prnjat
The Culture of Memory und Andrea Palasti
Doplgenger
Abart
The Monument Group
Four Faces of Omarska
Jelena Vesić
Dubravka Sekulić
The Context Collective
Center for New_Media Kuda.org


Das Projekt De-/Re-/Konstruktion: Raum, Zeit, Erinnerungen wurde als Hauptprogramm der 15. Kunst-Biennale in Pancevo (Serbien) im September 2012 ins Leben gerufen. Die Transformation dieser Ausstellung in ein neues Online-Format für die ARTSLAB Ausgabe 3 sehen wir als neuen wichtigen Schritt in unserer Arbeit hin zu einem Umdenken in der zeitgenössischen Gesellschaft Ex-Juoslawiens im Licht des entscheidenden Übergangsprozesses vom selbstverwalteten Sozialismus zu neoliberalem Kapitalismus. Mit dieser Ausstellung haben wir versucht, auf kritische Weise den Zusammenbruch des „jugoslawischen Projekts" zu dekonstruieren und die Politiken der Erinnerung, die mit diesem geschichtlichen Ereignis einhergehen, neu zu überdenken. Unsere Intentionen haben keine Nostalgie einer „konkreten Utopie“ zum Ziel, sondern sollen zu einer „neuen Lesart“ Jugoslawiens vor dem Hintergrund des derzeitigen national-kapitalistischen Konsensus und seiner Konsequenzen führen. Heute fungiert Jugoslawien genauso wie die Klassennatur des jugoslawischen Projekts als traumatischer, „unterdrückter“ Aspekt des neoliberalen Konsensus. In dieser Ausstellung präsentieren wir KünstlerInnen, Projekte, Initiativen, Plattformen, aktivistische Kollektive und informelle Gruppen, welche mittels Kunst politisches Denken über die Vergangenheit und über die Gegenwart des ehemaligen Jugoslawien als eine spezifische Form der Re-politisierung der jugoslawischen Erzählung artikulieren. Wir haben diese offenbar heterogene Gruppe von Teilnehmenden rund um unsere beiden Hauptthesen versammelt:

1. die These, dass Kunst ein (gegen-)öffentlicher Bereich sei;
2. die These, Jugoslawien im Sinn einer Erzählung neu zu denken, die einen Weg der kritischen Aktion im gegenwärtigen geschichtlichen Augenblick anbietet.

Zu den Hauptintentionen dieser Ausstellung gehört der Versuch, uns Kunst als öffentlichen Bereich zu denken.
Aus diesem Grund haben wir jene künstlerischen Initiativen eingeladen, die bisher unterdrückte Fragen innerhalb des „offiziellen öffentlichen Bereichs“ aufwerfen: über die Verteilung sozialen Wohlstands, die Privatisierung öffentlicher Güter genauso wie die Klassen-Machtbeziehungen im Prozess des neoliberalen Übergangs. Diese Projekte arbeiten alle mit dem Begriff des Kunst-Raumes als Form des gegen-öffentlichen Bereichs, was bedeutet, dass marginalisierte Gesellschaften innerhalb dieses Kunst-Raumes handeln, indem sie Gemeinschaften schaffen, die über das Erlaubte und Depolitisierte hinausgehen, um so in den kapitalistischen öffentlichen, von den Eliten missbrauchten Raum einzugreifen.[1]

Was also bedeutet es, Jugoslawien im und durch den Bereich der Kunst zu berücksichtigen, oder eher durch die Praktiken der modernen „immateriellen Produktion“? Tatsächlich ist damit ein „Durchbruch“ des Unterdrückten (traumatischen, nicht-symbolisierten) Ortes innerhalb des Raums des gegenwärtigen Übergangskonsensus gemeint. Der Aufbau aktueller Politiken von der Position des „unterdrückten Ortes“ aus besteht in der Definition des Grundsatzes der neuen Politiken – dieser ist nicht national, „abstrakt", sondern zeichnet sich durch eine Befreiung der im Sinne der Klassen verstandenen „besonderen Universalität“[2] aus. Mit anderen Worten, den Diskurs Jugoslawiens innerhalb des öffentlichen Raums zu aktualisieren bedeutet nicht, eine neue Art der sozialen Harmonie und eine neue Art der Utopie zu etablieren. Im Gegensatz dazu ist die Erinnerung an Jugoslawien eine Geste der Ablehnung, sie etabliert Unterschiede und schafft eine trennende Grenze, welche den neo-liberalen nationalen Konsensus innerhalb des aktuellen politischen Raums untergräbt. Die Aktualisierung Jugoslawiens meint demnach die Definition einer Position, die unsere Sicht der Übergangsordnung transformiert und auf ihr Inneres verweist, was heißen soll – auf die Klassen-Antagonismen.[3] Auf diese Weise fungiert Kunst als eine Form der Subversion in Bezug auf den existierenden öffentlichen Raum, durch eine Kombination der beiden Instanzen, die heute innerhalb des öffentlichen Raums im Übergang diametrisch voneinander getrennt sind: Politiken, auf der einen Seite, und Ethiken (der Klasse) der Universalität auf der anderen.

Aus dem Englischen übersetzt von Dörte Eliass

Literatur:

1. Oskar Negt und Alexander Kluge, Public Sphere and Experience: Toward an Analysis o f the Bourgeois and Proletarian Public Sphere, University of Minnesota Press, Minneapolis, 1993.
2. Slavoj Žižek, The Puppet and the Dwarf: The Perverse Core of Christianity, The MIT Press, Cambridge, Massachusetts/London, England, 2003., str. 109.
3.Terry Eagleton, „Marx, Freud and Morality“, New Blackfriars, Bd. 58, Ausgabe 680, Januar 1977, S. 21–29.


Unterstützt von:

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ERSTE Foundation
Stadt Wien - Kulturabteilung MA 7
MA 7 - Interkulturelle und Internationale Aktivitäten
Stadt Wien - Film, Kino, Neue Medien

In Zusammenarbeit mit:

Istanbul Bilgi University




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