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grafisches Element

Was wäre wenn… und darüber hinaus

Vasja Nagy »

Teilnehmende KünstlerInnen:

Vesna Bukovec
Bernhard Cella
Giulia Cilla
Yolanda Domínguez
Gani Llalloshi
Swoon
Sašo Sedlaček


Gani Llalloshi hat 2012 eine Bilderserie gemalt und ihr den Titel Nostalgie gegeben. Die Serie basiert auf einem traumartigen, surrealen Blick auf eine imaginäre Landschaft, umgeben von einer typischen Teppichbordüre aus der Tradition seiner Vorfahren. Nostalgie gilt als unheilbare psychische Krankheit. Sie will eine Rückkehr in die Vergangenheit und keine Rückkehr an den Ort der Sehnsucht, wie der Begriff vermuten lässt. In einer abgemilderten Form findet sich Nostalgie in jeder Generation, doch wir stellen uns die Vergangenheit meistens erst nach der Jugendzeit harmonischer und glücklicher vor als die Gegenwart. Die gute alte Zeit ist eine endlose Geschichte, eine stets wiederholte Äußerung, ein Spruch von Leuten, die älter sind als wir. Die alten Römer würden es so ausdrücken: O tempora, o mores. In guten alten Großbuchstaben natürlich.

Wir erleben unsere heutigen Gegenwart vermutlich in diesem Gemütszustand und stellen sie der Vergangenheit gegenüber, chaotisch anstatt geordnet. Doch es gibt einen Unterschied, der ins Auge fällt, wenn wir die letzten 40 Jahre mit früheren Aufzeichnungen vergleichen. Es scheint so, als ob unsere Gesellschaft im Allgemeinen – sagen wir, die globale Gesellschaft – sich um das zukünftige Überleben der Menschheit auf der Erde niemals solche Sorgen wie heute gemacht hat (wir werden später zeigen, warum das nicht der Fall ist). Angesichts des raschen Aussterbens so vieler anderer Lebensformen liegt es nahe, wissenschaftliche Verbindungen zu unseren eigenen Lebensbedingungen herzustellen. Aber es geht nicht nur ums Überleben, sondern auch darum, die Vision eines Projektes in seinem etymologischen Sinn als pro iacere, als Vor-wurf zu besitzen, als ein Vor-werfen bis in die folgende(n) Generation(en). Was immer wir von der Vergangenheit in Betracht ziehen – Pyramiden, Aquädukte, illuminierte Manuskripte, Kathedralen, in gewisser Hinsicht sogar die ersten Fabriken –, ist für eine lange Dauer, beinahe für die Ewigkeit, gemacht worden. Die Kunst, einschließlich der Moderne, verhielt sich sehr ähnlich. Es ist zwar möglich, bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts individuelle postmoderne Gesten zu entdecken, aber der Großteil der Kunst verblieb in der alten Art und Weise bis zu dem, was wir heute zeitgenössische Kunst nennen. Der Hauptunterschied zwischen der zeitgenössischen und der modernen Kunst besteht darin, dass die Letztere stets noch dafür konzipiert war, um in Form und Bedeutung unverändert fortzudauern, während die Erstere per definitionem temporär ist. Während die Moderne zumeist noch auf der Suche nach reiner und ewiger Kunst war, funktioniert zeitgenössische Kunst vielmehr als ein Katalysator der Gegenwart. Zeitgenössische Kunst führt ihren vorübergehenden Charakter in vielen Sprachen bereits im Namen. Es geht einfach darum, dass sie in einer viel fragileren Weise als Kunst fungieren soll, als alle älteren Kunstformen, von denen die KunsthistorikerInnen übereingekommen sind, sie als Kunst zu bezeichnen. Ihr Kontext bezieht sich üblicherweise auf die nähere Umgebung, über sie hinaus wird das Kunstwerk nicht mehr als Kunst angesehen. Technisch gesprochen kann zeitgenössische Kunst als ein historischer Stil begriffen werden, der behauptet, dass alle Kunst einst zeitgenössisch war, und nur Sinn ergibt, wenn ihre Zeitgenossenschaft erklärt wird.

Bei der Betrachtung von Karten mittelalterlicher Städte ist es äußerst bemerkenswert, wie groß die Kirchen waren im Vergleich zu allem anderen, das sich innerhalb der Stadtmauern befand. Doch wir dürfen nicht vergessen, welche Bedeutung die Kirche zu dieser Zeit hatte, und wie sich ihre Funktionen im Verlauf der Zeit auf verschiedene öffentliche und private Institutionen aufteilten. Kirchen waren die wichtigsten Zentren von Bildung, Information, Medizin, Geheimdienst, Kontrolle, Politik und Ökonomie. Die Macht ihrer religiösen Funktion, die ihr das Vermögen zur Gestaltung der Gesellschaft sowie zur Handhabe über alle anderen zivilen Funktionen verlieh, resultierte aus dem Rechtsanspruch, die wahre Geschichte von Leben und Tod zu besitzen, also die Geschichte von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und Ewigkeit, wobei letztere hier für ein unbestimmbares Maß an Zeit steht. Es fällt vermutlich nicht schwer, sich vorzustellen wie die kirchlichen Autoritäten den Leuten „nahelegten“, die offiziellen Regeln einzuhalten und gesegneten Lohn für Gehorsam und schwere Strafen für Ungehorsam in Aussicht stellten. Lohn und Strafe würden nach dem Tod erfolgen, und die Abbildungen von Himmel und Hölle waren verdammt lebendig und verführten die Vorstellungskraft der Durchschnittsmenschen. Ist das den Geschichten der globalen Geld- und Finanzinstitutionen nicht erstaunlich ähnlich? Die Mehrheit der Menschen soll ihren Regeln gehorchen, ansonsten droht uns Leid bis über den Tod hinaus. Unsere Nachkommen werden unsere Schulden zu bezahlen haben. Wir begegnen dem Leiden von einer anderen Seite, aber da die alte Geschichte nicht mehr funktioniert, wird uns eben eine neue aufgetischt. Im Hinblick auf eine apokalyptische Szenerie gibt es keinen großen Unterschied zwischen der Propaganda der Vergangenheit und der Gegenwart. Es wäre bestimmt nicht seriös, den Klimawandel oder die begrenzten Reserven an fossilen Brennstoffen zu leugnen, von denen die Zivilisation noch immer stark abhängig ist, doch worin besteht der tatsächliche Einsatz dieser in den Medien und der politischen Propaganda so gegenwärtigen Themen? Vermutlich haben sie im Allgemeinen kaum einen nennenswerten Effekt, außer dass einige Individuen und kleine Gemeinschaften versuchen, Alternativen zu entwerfen und verschiedene Lösungen dieser Thematik zu erarbeiten. Das kann Langzeitprojekte wie hunderte von Jahren dauernde Weltraumreisen ebenso betreffen wie ein kleines Kunstwerk, das versucht, das menschliche Verhalten hinter den Äußerlichkeiten sichtbar zu machen. Für all das bedarf es sicherlich einer Menge an Vorstellungskraft, um Realität und Fiktion miteinander in Verbindung zu bringen.

Verständigen wir uns darüber, dass unser Leben eine Realität ist. Durch die Aufzeichnung von Ereignissen wird es möglich, einige Fragmente zu dokumentieren, doch diese besitzen für sich genommen wenig Aussage. Sie bedürfen immer eines Interpreten, um Verknüpfungen herzustellen und Geschichten zu formen. Diese Art von Geschichten sind Narrative der Abwesenheit. Sie versuchen etwas zum Leben zu erwecken, das nicht da ist. Wie auch immer die Bestimmung der Zeichen und die Zuschreibung von Bedeutung vor sich geht, die Abwesenheit wird nur durch eine Erzählung gegenwärtig. Doch ihre Form wird einigermaßen zufällig bleiben müssen, wenn sie ohne Ziel erfolgt oder nicht auf Ähnlichkeiten gründet. Die Realität selbst kann nur im Ereignis der Schaffung und Erzählung dieser Geschichte liegen, so wie Kinder den Wolf aus dem Märchen kennen, der erst im Akt des Erzählens real wird. In diesem Fall spielt die Wahrheit keine große Rolle. Wer auf der Welt kann denn behaupten, die Wahrheit zu besitzen? Darum ist es wichtig, dass die Geschichte überzeugend genug ist, um wahrhaftig zu wirken. Die Geschichte muss die Realität geschickt nachahmen, um glaubwürdig zu sein, doch sie hat ein entscheidendes Manko – sie muss Sinn machen. Sie muss, und sei es auch nur für einen Augenblick, vorgeben, etwas zu sein, sie muss ein Ereignis erfinden. Sagen wir es offen, lebendige Fiktion ist die Schaffung von Realität. Es spielt keine Rolle, wie sehr wir die Feststellung akzeptieren, dass wir nur sehen, was wir zu sehen glauben. Jede Fiktion ist ein neu geschaffenes Ereignis, auf der Grundlage von Fragmenten einer Aufzeichnung, von denen man annimmt, dass sie selbst auch Geschichten erzählen. Ein Erfinder, eine Künstlerin verwebt sie zu einem glaubwürdigen Narrativ. Es kommt nicht wirklich darauf an, von wo die Fragmente herstammen; sie werden real aufgrund dessen, was sie sagen und wie sie es sagen. Nur wenn an diesem Punkt ihr Potenzial wahr zu werden abgerufen wird, werden sie auch wahr.

Aus dem Englischen übersetzt von Tom Waibel

Unterstützt von:

BKA
ERSTE Foundation
Stadt Wien - Kulturabteilung MA 7
MA 7 - Interkulturelle und Internationale Aktivitäten
Kulturfonds der Stadt Freising
Europäisches Künstlerhaus Oberbayern


In Zusammenarbeit mit:

Istanbul Bilgi University
SKICA - Slowenisches Kulturinformationszentrum
Kunstverein Freisinger Mohr e.V




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