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Gülsen Bal

Aus dem Englischen übersetzt von Dieter Hammer

BALKAN(S) NOW: A status seminar/workshop [1] fand in der Zeit von Oktober bis Dezember 2013 in Wien, Ljubljana und Belgrad statt. In Folge der Veranstaltung erschien es notwendig, weiterreichende Ideen zu entwickeln, welche die zeitgenössische Kunst auf dem Balkan und in den ehemaligen jugoslawischen Staaten reflektieren. Besonders wichtig erscheint dabei die Neuformulierung komplexer und unvorhersehbarer Situationen und Entwicklungen sowie die daraus resultierende Verschiebung der Bewertung der Vergangenheit im zeitgenössischen Kontext.

Betrachtet man die aktuelle Entwicklung neuer Formen des künstlerischen Ausdrucks mit besonderem Blick auf die derzeitigen Prozesse in Osteuropa und speziell auf dem Balkan, sprich den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, so drängt sich die brennende Frage auf, inwieweit sich hier Kunst politisch artikuliert und in welcher Form?

Es gibt eine neue Generation von KünstlerInnen, deren Hintergrund nicht mehr die Nachkriegssituation oder das nationale „Aushängeschild‟ darstellen. Die neuen Themen betreffen vielmehr die aktuellen sozialen Herausforderungen in ganz Europa. Die nächsten, noch interessanteren Fragen lauten: Welche historische Wurzeln können in Bezug auf die konsequente Globalisierung des Kapitalismus identifiziert werden? Ist Selbstorganisation der Schlüssel zu künstlerischer und kreativer Unabhängigkeit? Wie soll man sich im Feld der internationalen Kunststömungen mit lokalen Interventionen besonders angesichts der Entwicklungen in den europäischen Nachbarländern Österreich und Deutschland bezüglich der eigenen Identität verorten?

In Bezug auf die beschriebene Lage zeigt Borut Vogelnik, ein Mitglied der Künstlergruppe IRWIN, auf, „wie ein ,Artefact‘ sich derart emanzipiert hatte, dass daraus die ,Kongressergebnisse‛ formuliert wurden. Es handelt sich dabei um einen Text, der in hohem Maße die Prinzipien der eigenen Entstehung bestätigt und in welchem der soziale Körper sich signifikant als ,Kunstprodukt‘ wahrnimmt oder wahrzumnehmen scheint“. In dem Artikel Von der Neuen Slowenischen Kunst zum NSK State in Time erforscht der Autor, was sich innerhalb der nachfolgenden Entwicklung des NSK-Bürgerkongresses ‒ die NSK versteht sich selbst als „Staat“ ‒ verändert hat.

Igor Toshevski ist Mitglied der Künstlergruppierung Kooperativa. Er beschreibt in interessanten Ausführungen in seinem Artikel Kunst und Politik? „die spezifischen Umstände, welche die Republik Mazedonien auf ein niedriges populistisches, autoritäres und fremdenfeindliches Niveau degradiert haben. Wichtige Themen wie die Gewaltenverteilung, Wahlfreiheit, Zensur, die Nutzung des öffentlichen Raums oder die Dezentralisierung kultureller Netzwerke sollten dringend in Angriff genommen werden.“ Diese Aspekte führen zu weiteren Erkundungen über den gegenwärtigen soziopolitischen Diskurs in der Republik Mazedonien, hin zu einer Refexion der Beziehung der ex-jugoslawischen Staaten zur Europäischen Union.

Miroslav Karic ist Mitglied der Gruppe Remont‒Unabgängiger Künstlerbund. In seinem Beitrag Die zeitgenössische Kunst- und Kulturszene in Serbien nach 2000 –Kurze Anmerkungen beleuchtet er die Komplexität der Gegenwartskunstszene und wie der Balkan zu einer neugierig machenden Zone geworden ist.

kuda.org schreibt über Veränderungen innerhalb der Organisation von Leben und Arbeit im urbanen Umfeld. Dabei gehen die AutorInnen auf „die Besonderheiten des urbanen Regenerationsprozesses von Novi Sad“ ein. In ihrem Artikel Selbstkritik als Basis für eine Erneuerung des Engagements / des Einsatzes thematisieren sie die Abhängigkeit von Kapital und beziehen die globale Krise in ihre Betrachtungen mit ein.

Lana Zdravkovic hebt die Notwendigkeit hervor, gegenwärtige Bedingungen des Verständnisses bezüglich dessen, was Emanzipation sein könnte, darzustellen. „Kunst kann als vielschichtige, dialogische und offene Form gesehen werden, die auf dem Prinzip des Dissenses gründet, welches jegliche gesellschaftliche Wirklichkeit als selbstevident problematisiert, inklusive der konstanten Infragestellung der eigenen Position.“ In ihrem Artikel über die Emanzipation (der/innerhalb der) Kunst liefert sie eine beinahe paradoxe Verkomplizierung dieses Arguments.

Barbara Borčić behandelt als Direktorin des SCCA‒Ljubljana Zentrums für Zeitgenössische Kunst eine Reihe anderer Problematiken. In ihrem Artikel Von einem interdisziplinären Betrieb zu einer kritischen Situation: SCCA‒Ljubljana wirft sie Fragen zu dem Thema auf, dass „wir Zeugen einer Wirtschaftskrise sind, ... in der Kunst und Kultur keine wesentliche Rolle spielen“, wobei aber jede negative Situation auch positive Aspekte mit sich bringt.

Aus diesem Blickwinkel heraus richtet das Journal seinen Fokus auf neue Formen kreativer Verbindungen auf allen möglichen Produktionswegen, die es ermöglichen, ein Spiegelbild einer „sich je zu verwirklichenden“ Welt sichtbar zu machen, im Sinne dessen, was Deleuze und Guattari oft als „der Staat wird aus dem gebaut, was danach trachtet, ihm zu entfliehen“, beschrieben haben.


Gastherausgeber: Dieter Hammer

BALKAN(S) NOW ist der Versuch, die Situation der Gegenwartskunst in der Balkanregion mit einem Schwerpunkt auf dem ehemaligen Jugoslawien, zu bestimmen. Seit den 1990er-Jahren ist die Region in steter Bewegung und erlebt anhaltende sozialpolitische Veränderungen. Die ehemals kommunistischen Marktgesetze wurden nach der Öffnung in einen „westlichen Stil“ transformiert. Es fand ein Wechsel der wirtschaftlichen Kräfte in Richtung eines neuen privatwirtschaftlichen Sektors mit Anwerbung von InvestorInnen – mit allen Vor- und Nachteilen – statt. Die Umwandlung ist nicht einfach und ein fortlaufender Prozess. Einige Staaten sind bereits EU-Mitglieder, andere sind auf dem Beitrittsweg.

Nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens oder nachdem sich die Staaten nach dem jeweiligen Kriegsende ausreichend formiert und stabilisiert hatten, mussten die neuen Staaten ganz von vorne beginnen. Regierungsstrukturen und Institutionen mussten neu aufgebaut oder auf den neuen Standard gebracht werden.

Unter dem Kommunismus hatte die zeitgenössische Kunst keinen Platz. Sie wurde vernachlässigt oder gar unterdrückt. In den 1990er-Jahren haben KünstlerInnen und KulturarbeiterInnen ebenfalls angefangen, ihre eigenen Ausstellungsräume und Institutionen der Kunstvermittlung sowie eine Kunstszene aufzubauen. Es entstanden nationale und internationale Netzwerke. Besonders die neue unabhängige Kunstszene hat sich eigene institutionelle Strukturen zum Aufbau und zur Vermittlung ihres Kunstbegriffs geschaffen. Betrachtet man diese Entwicklung von einer Außenperspektive, so kann diese selbstorganisierte Kunstszene als eine für die Balkanregion charakteristische und besondere kulturelle Errungenschaft gesehen werden.

In einigen Staaten gibt es nach wie vor noch keine ausreichende öffentliche Kunstinfrastruktur. Was im Rahmen der Gegenwartskunst geschieht, ist hauptsächlich auf die Vermittlung durch diese unabhängigen Organisationen und vieler loser Gruppierungen zurückzuführen. Anders als im eigenen Land konnten einige KünstlerInnen und Künstlergruppen bereits in den frühen 1990er-Jahren internationale Aufmerksamkeit erlangen. Die große internationale Gruppe von Balkanstämmigen und der Umstand, dass KünstlerInnen und Intellektuelle aus der Balkanregion im Ausland studieren, hat den Aufbau von Netzwerken begünstigt.

Die Inhalte der künstlerischen Recherche, Praktiken und Diskurse haben sich gewandelt und sind in der Gegenwart angekommen. Behandelt werden globale Themen, sozialpolitische und philosophische Diskurse sowie regionale und lokale Themen.

Im ehemaligen Jugoslawien hatten staatskonforme KünstlerInnen durch Staatsaufträge ein gesichertes Grundeinkommen. Dies allerdings auf Kosten der künstlerischen Ausdrucks- und Schaffensfreiheit. Heute haben KünstlerInnen grundsätzlich diese Freiheiten in hohem Maße. Sie arbeiten aber auf eigenes wirtschaftliches Risiko als UnternehmerInnen, die auf den „Geschmack“ einiger angewiesen sind, die Kunst oft nur reduziert als Spekulationsobjekt sehen wollen. Von der Kunst als KünstlerIn leben zu können ist eine Frage des Zufalls und der Marketingmechanismen. Wenn Kunst nur davon abhängig ist, was der Markt unter der Wahrscheinlichkeit des Marktversagens aufnehmen kann, kann sich das volle kulturelle Potential nicht entfalten. Das ist besonders dann der Fall, wenn es keinen belastbaren regionalen Kunstmarkt gibt. Ein anderer Aspekt ist, dass viele zeitgenössische Kunstpraktiken unkommerzieller Natur sind und keine kommodifizierbaren Kunstwerke im klassischen Sinne hergestellt werden. Der Markt spielt dabei weder eine Rolle noch ist er das Ziel. Der künstlerische Ansatz besteht in einer ökonomiefreien Kunstpraxis.

Kann es sich eine moderne Gesellschaft auf lange Sicht leisten, die Entwicklung der Gegenwartskunst zu vernachlässigen? Was kann verbessert werden? Gibt es einen legitimen Modus der staatlichen Unterstützung bei Marktversagen? Auf welcher ordnungspolitischen Grundlage soll entschieden werden? Eine vollständige Antwort kann hier nicht gegeben werden. Vorgeschlagen sei ein Blick auf ein bewährtes Organisationsprinzip des Gesellschaftlichen.

Das Subsidiaritätsprinzip ist eines der Kernprinzipien der EU und im Vertrag von Lissabon verankert. Es ist auch Organisationsgrundlage für andere föderative Staaten. Geschichtlich, und vorgängig zu staatlichen Rechtskonstrukten ist es ein sozialethisches Prinzip: „Wenn es nämlich auch zutrifft, was ja die Geschichte deutlich bestätigt, daß unter den veränderten Verhältnissen manche Aufgaben, die früher leicht von kleineren Gemeinwesen geleistet wurden, nur mehr von großen bewältigt werden können, so muß doch allzeit unverrückbar jener höchst gewichtige sozialphilosophische Grundsatz festgehalten werden, an dem nicht zu rütteln noch zu deuteln ist: wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen; zugleich ist es überaus nachteilig und verwirrt die ganze Gesellschaftsordnung. Jedwede Gesellschaftstätigkeit ist ja ihrem Wesen und Begriff nach subsidiär; sie soll die Glieder des Sozialkörpers unterstützen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aufsaugen.“ 79. Enzyklika Quadragesimo Anno, Pius XI, 1931.

Das richtige Verständnis und die sachrichtige Anwendung des Subsidiaritätsprinzips in der EU, bei nationalen sowie lokalen Regierungen ist eine fortwährende Herausforderung auf allen Regierungsebenen. Nicht nur in Bezug auf die zeitgenössische Kunst. Geht es um selbstorganisierte und autonome Kunstinstitutionen als Kulturträger, so kommt es darauf an, den Bedürfnissen dieser Organisationen und Gruppen zu entsprechen und lähmende, bürokratische Hürden zu vermeiden. Ein Argument für die subsidiäre staatliche oder überstaatliche (EU-) Unterstützung kommt aus einer vielleicht unerwarteten Quelle: F. A. v. Hayek: „… es gibt Gebiete, in denen staatliche Betätigung zweifellos wünschenswert ist. Zu den letzteren gehören all jene Dienstleistungen, die sicher wünschenswert sind, die aber von wettbewerblichen Unternehmungen nicht bereitgestellt werden, weil es entweder unmöglich oder auch nur schwierig ist, den einzelnen Nutznießer dafür bezahlen zu lassen.“ Die Verfassung der Freiheit, Mohr, Tübingen 1991, S. 288. Die Bereitstellung entsprechender kultureller Leistungen fällt gewiß in diese Kategorie. Hayek führt weiter aus: „Obwohl aber ein Staat ... am besten geeignet sein mag, auf solchen Gebieten die Führung zu übernehmen, gibt es keine Rechtfertigung anzunehmen, dass dies immer der Fall sein wird, und ihm daher diese Aufgaben ausschließlich zu überantworten. Überdies ist es in den meisten Fällen keineswegs notwendig, dass der Staat selbst die Durchführung solcher Betätigungen übernimmt; Die in Frage stehenden Dienstleistungen können … wirksamer geboten werden, wenn der Staat einen Teil oder auch die ganze finanzielle Verantwortung übernimmt, aber die Durchführung der Geschäfte unabhängigen und in gewissem Ausmaß wettbewerblichen Unternehmungen überlässt.” Hayek ebd. S. 289

Diese Ausführungen begründen die Notwendigkeit ausreichender Unterstützung der genannten Kunstorganisationen im Falle des gegebenen Marktversagens.

Die Balkanregion ist wechselseitig mit der EU verbunden. Zeitgenössische Kunst kann gesellschaftlich als ein sehr sensibler Seismograf gesehen werden. KünstlerInnen katalysieren und decken für sie fragwürdige soziale, wirtschaftliche oder politische – aber auch kulturelle – Fehlentwicklungen auf und sorgen für deren gesellschaftliche Thematisierung. Ebenso stellen sie Alternativszenarien zur Debatte. Es wäre sicherlich falsch und ein historischer Fehler, die zeitgenössische Kunstszene nicht ausreichend zu fördern. Den Kultursektor als reines „profit center“ zu betrachten, ist sicher der falsche Ansatz für einen adäquaten Umgang mit dem gesellschaftlichen Wert der zeitgenössischen Kunst. Insbesondere auf dem Balkan kann man sie nicht verlässlich dem Markt überlassen. Das krisenbedingte Finanzierungsdilemma auf legitime und nachhaltige Weise zu lösen ist eine wichtige Herausforderung.

Das einzigartige „Balkanmodell“ der selbstorganisierten und unabhängigen, gemeinnützigen Kunstinstitutionen kann als ein positiver und wohltuender Impuls für andere Länder gesehen werden, in denen die zeitgenössische Kunst aufgrund reiner, dominanter Marktorientierung stagniert und die Kunst als Ausdruck der Menschenwürde unterreflektiert bleibt.

BALKAN(S) NOW kann nicht als abgeschlossen gelten. Auch konnte das Gesamtspektrum der variantenreichen Praktiken und Kunstdiskurse nicht vollständig gewürdigt werden. Das Unterfangen darf als Beginn einer weiteren Begleitung und dem Netzwerkausbau gesehen werden.

An dieser Stelle sei allen InitiatorInnen, OrganisatorInnen, KuratorInnen, KünstlerInnen und Kunstinstitutionen, allen unterstützenden Partnern und den AutorInnen dieser Publikation für ihre Mitwirkung gedankt!

Fußnote: Projektkuratorinnen: Gülsen Bal; Marlene Rigler

Wien, 10-13 Oktober 2013
Veranstaltungsort: Vienna Art Fair - ‘VIENNA Live’, 12.00 - 14.00

Wien, , 11 Oktober 2013
Veranstaltungsort: Depot, 19.00 - 21.30

Details zu den Veranstaltungen
(in englischer Sprache)

Public panels: "The extended Balkans –Vienna as a platform for artists from Slovenia, Serbia, Croatia, Bosnia, Macedonia and Montenegro" by Ivan Jurica, Ivana Marjanović, Walter Seidl

Moderation: Suzana Milevska

Public panels: "“Balkans” and “Post-war” – artistic empowerment beyond those labels" by Vasja Nagy, Aneta Stojnić

Moderation: Jens Kabisch

Ljubljana, 25-26 Oktober 2013
Veranstaltungsort: Mestna galerija

Details zu den Veranstaltungen
(in englischer Sprache)

Public panels: "Art and the realm of politics: contemporary artistic practice and politisation of civil society" by Albert Heta, Igor Toshevski, IRWIN, Lana Zdravkovic

Moderation: Dieter Hammer

Public panels: "Cross-border artistic and institutional networking; the ex-Yugoslav context as a model for Europe" by Barbara Borčić, Miroslav Karic, Zoran Pantelić

Moderation: Dieter Hammer

Belgrad, 11 Dezember 2013
Veranstaltungsort: Remont, 18.00 - 20.00

Film und Video screening: Yane Calovski, Nemanja Cvijanović, Ibro Hasanović, Astrit Ismaili, Alban Muja, Vladan Jeremić and Rena Rädle, Milica Tomić

Unterstützt von:

BKA
ERSTE Foundation
Allianz Cultural Foundation
Stadt Wien - Kulturabteilung MA 7
MA 7 - Interkulturelle und Internationale Aktivitäten
Kulturfonds der Stadt Freising

In Zusammenarbeit mit:

Istanbul Bilgi University
Kunstverein Freisinger Mohr e.V
Europäisches Künstlerhaus Oberbayern





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