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Von einem interdisziplinären Betrieb zu einer kritischen Situation: SCCA–Ljubljana

Barbara BorčiĆ »


Das SCCA–Ljubljana Centre for Contemporary Arts , das im Jahr 2000 gegründet wurde, ist eine Nichtregierungs- und Nonprofit-Organisation in Ljubljana, Slowenien. Das Zentrum generiert innovative Programme und Services, die künstlerische und interpretative Praktiken fördern. Die sehr unterschiedlichen Aktivitäten wenden sich an KünstlerInnen, KuratorInnen, TheoretikerInnen, StudentInnen und KritikerInnen in den Bereichen bildende Kunst und Kultur wie auch an andere Professionelle wie SoziologInnen, PhilosophInnen, AnthropologInnen und JournalistInnen usw. Die Aktivitäten initiieren künstlerische, diskursive und soziale Praktiken und basieren auf einem interdisziplinären Ansatz und intensiver internationaler Kooperation.

Mit einem Jahresbudget von 135 000 EUR im Jahr 2012 gelang es uns, regelmäßig 3 Personen und 9 MitarbeiterInnen/StudentInnen mit Monatsverträgen zu beschäftigen. Wir produzierten und organisierten mit zahlreichen KünstlerInnen und Partnerorganisationen mehr als 75 Events, Projekte, Workshops und Diskussionen. Beispielsweise im Rahmen des Programms World of Art : 4 Ausstellungen, 4 Publikationen, 2 Vortragsserien, 4 Themenvorträge und 2 Diskussionen, 1 Seminar, 3 Workshops, 20 geführte Ausstellungsbesuche und 6 Besuche in Künstlerateliers, 3 Studienexkursionen ins Ausland, 3 internationale Präsentationen; im Rahmen des DIVA Station-Archivprogramms unterhielten wir 1 öffentliches online und real existentes Archiv mit mehr als 1 000 Videos und Kunstwerken der neuen Medien, 4 Ausstellungen, 2 kuratierte Videoprogramme und 4 Vorführungen, 10 Vorträge und Performances, 3 internationale Präsentationen.

Weiters führen wir eine World of Art Schule , ein einzigartiges Weiterbildungsprogramm für junge KuratorInnen und SchriftstellerInnen in ehemaligen jugoslawischen Ländern und der weiter gefassten Region in Zentral- und Osteuropa mit intensiven internationalen Verbindungen in Europa und darüber hinaus, von Armenien bis Ägypten. Indem wir Archive gründen, fördern wir ihre Nutzung, ihre Zugänglichkeit; ihre (online) Verbreitung ist ebenso zu einer unserer Hauptbeschäftigungen geworden. Wir haben Video- und Medienproduktionen aus Slowenien gesammelt und gespeichert, ein wichtiges kulturelles Erbe und eine historische Erinnerung an die bürgerliche Gesellschaft, und unser Archiv DIVA Station wurde zum Online-Archiv DIVA aufgewertet und außerdem zum Partnerarchiv der internationalen Plattform GAMA, welche ähnliche europäische Kunstarchive miteinander verbindet und sie sichtbarer und einfacher zugänglich macht. Wir arbeiten mit der Vorgabe, dass die Dokumentation und Archivierung der Gegenwart notwendig sind, um zeitgenössische Kunstpraktiken und soziale Ereignisse zu verstehen. Auf Basis unserer Programme und Erfahrungen haben wir Artservis etabliert, eine sehr praktische Informations- und Beratungsplattform und Online-Medium für KulturarbeiterInnen und NGOs. Sie ist ein sich ständig veränderndes Werkzeug, wobei die Datenbank täglich auf den neuesten Stand gebracht wird, und ist rasch sehr populär geworden, mit ungefähr 326 000 internationalen Usern im Jahr, 1000 Klicks pro Tag und 8020 AbonnementInnen des Newsletters.

Die lokale und internationale Kunst & Kulturgemeinde ist sich über die Bedeutung der Programme des SCCA–Ljubljana bewusst und respektiert das Bemühen, das wir in das Füllen der Lücken im System der zeitgenössischen Kunst investieren. Sie schätzt unseren Mut und unsere Initiative dabei, informelle Weiterbildungsprogramme, dokumentarische und archivarische Projekte wie auch offene Interessensvertretungen und wenig spektakuläre Kunstprojekte sowie öffentliche Diskussionen zu implementieren. Der größte Teil unserer Aktivität ist sehr öffentlich und daher wird unsere Präsenz deutlich bemerkt und wegen des komplexen und unkonventionellen Programms respektiert. Zudem, am Ende des Jahres 2013, wurde das kollaborative Projekt des SCCA–Ljubljana World of Art. Models of training and collaboration in contemporary arts mit dem „The Apple of Quality“-Preis in der Kategorie „Leonardo da Vinci – Partnership Programme“ ausgezeichnet.

Der Staat jedoch hat unsere positive und konstruktive Rolle im slowenischen Kulturbereich und unsere Bedeutung im Hinblick auf internationale Beziehungen und Zusammenarbeiten noch nicht anerkannt. Die Verantwortlichen können die kulturellen Praktiken über die Produktion von Objekten und Ausstellungen hinaus nicht verstehen und es fällt ihnen schwer, unsere interdisziplinäre, zeitgenössische Form der Organisation und innovativer Programme und Projekte anzuerkennen. So ist es uns nicht gelungen, eine langfristige Kooperation mit dem Kulturministerium zu etablieren (wie es uns glücklicherweise mit der Stadtregierung geglückt ist), weder auf der Ebene unserer Aktivitäten noch im Hinblick auf das Thema unserer operativen Kosten. Denn weder die Regierung noch das Kulturministerium verfügen über eine langfristige Politik im Hinblick auf ihre kulturellen und künstlerischen Bereiche, besonders was die Nichtregierungsorganisationen und den freiberuflichen Status anbelangt. Häufige Veränderungen der Regierung und der MinisterInnen verhindern eine bedeutsame Kooperation und langfristige Vereinbarungen. Diese Situation behindert auch unsere Fähigkeit, uns bei der EU und anderen internationalen Förderstellen zu bewerben, welche entsprechende Fördermittel aus lokalen Quellen erfordern.

Im Lauf des Jahres 2013, nach vielen Jahren eines erfolgreichen Betriebes in Slowenien, hat das SCCA–Ljubljana einen kritischen Punkt erreicht, der seine Existenz aufgrund des fehlenden politischen Willens und Verständnisses bedroht, welche zur Überwindung der politischen und wirtschaftlichen Instabilität notwendig wären. Aufgrund einer riesigen Reduktion des Budgets hat sich die Zahl der Projekte und MitarbeiterInnen verringert und es gibt keine Angestellten mehr. Gegen Ende des Jahres 2013 waren wir bereits gezwungen, die Aktivitäten von Artservis einzustellen und die übrigen SCCA Kernprogramme zu verringern, was absolut keinen Raum für eine unmittelbare Reaktion des SCCA ließ sowie darauf, Aktionen zu riskieren, welche zu den seltenen Gelegenheiten ihrer Art in einer streng vorherbestimmten Welt der Kunst gehörten.

Im Januar wurden wir informiert, dass uns die Unterstützung des Kulturministeriums für ein 4-Jahres-Programm verweigert wurde. In der besonderen Situation Sloweniens mit lediglich öffentlichen Mitteln zur Förderung unabhängiger Organisationen im Feld der zeitgenössischen Kunst ist eine Programmunterstützung der beiden Hauptakteure, des Kulturministeriums und der Kulturabteilung der Stadt Ljubljana, entscheidend für die Organisation eines Projektes solcher Größenordnung. Die projektbasierte Förderung ist weitaus kleiner in finanzieller Hinsicht und weniger stabil, da jedes Jahr darum angesucht werden muss und die erste Förderung erst im Sommer einlangt …

Wenn das SCCA–Ljubljana seine Aktivität stoppen oder völlig verändern müsste, so hätte dies eine Auswirkung auf den Zustand der Kunst und Kultur in Slowenien. Es gäbe eine riesige Lücke im Bereich des kritischen Ansatzes, der Forschung, Ausbildung, Archivierung und Unterstützung im Feld der zeitgenössischen Kunst. Sie würde definitiv monoton und von den sozialen Bewegungen und dem regionalen kulturellen Milieu abgeschnitten werden. Wir hoffen, dass wir in der Lage sein werden, unsere Ausbildung, Forschungs & Archivprogramme genauso wie die Interessensvertretung und Services aufrechtzuerhalten und sie kostenlos anbieten zu können. Wir glauben, dass wir mit dem öffentlichen Betrieb beträchtlich zum unabhängigen und selbst-unterhaltenden Einsatz von Einzelpersonen und Organisationen beitragen können, die an der zeitgenössischen Kunst und Kultur beteiligt sind, nicht nur in Slowenien sondern auch in der breiteren Region und international.

Trotz der äußerst geringen Chance auf Unterstützung von der EU, die dem SCCA–Ljubljana (wegen den ungesicherten entsprechenden Fördermittel aus lokalen Quellen) zuerkannt wird, hoffen wir intensiv, dass wir diese bekommen. Eine internationale Förderung (Stiftungen) wäre essenziell für eine normale Weiterführung unseres Zentrums, was auch Zeit für eine längerfristige „weiterbildende“ und „lobbying“ Anstrengung sicherstellte und schließlich eine Nische im Sponsoring der Regierung öffnete. Möglicherweise würden so auch Unternehmen dazu angeregt, uns zu unterstützen. Das SCCA–Ljubljana könnte seine unabhängige Mission und kritischen Standpunkt absichern – im Rahmen dessen die Kernprobleme künstlerischer rund sozialer Praktiken auf eine innovative und provokative Weise hinterfragt werden – sowie ein scharfer kritischer Beobachter und unorthodoxer Analyst bleiben sowie Impulse für eine öffentliche Diskussion, Soziabilität und folglich, auf wichtige Weise, zur Konstruktion des öffentlichen Raumes beitragen. Die Organisation könnte sogar im kritischen Fall besonders ungünstiger Bedingungen operativ bleiben, die eventuell in der Zukunft liegen. Auf der anderen Seite wird besondere Anstrengung auf die Reduktion der Verwaltungskosten gerichtet (keine Beschäftigten, minimale Materialkosten usw.).

Schließlich möchte ich betonen, dass die Kunstgemeinde unsere Aktivitäten mit Wertschätzung begegnete und sie so viel wie möglich unterstützte. Bei mehreren Gelegenheiten in der Vergangenheit drückte sie ihre hohe Meinung über die Programme des SCCA–Ljubljana aus und betonte die Bedeutung des Zentrums innerhalb des Landes und im Rahmen internationaler, besonders regionaler Kommunikation und Kooperation. Unterstützungsbriefe für das SCCA–Ljubljana wurden zugunsten archivierender, edukativer und Informationsprogramme geschrieben. In den Briefen wurden die Gründe für den Vorschlag zusammengefasst, die auf einer tiefen Analyse der Situation im kulturellen Bereich in Slowenien und der Bedeutung der Errungenschaften des SCCA-Ljubljana beruhten.

SCCA–Ljubljana ist es gelungen, zwölf Jahre lang so weit als möglich aktiv und unabhängig zu bleiben. Überdies, trotz des überaus niedrigen Budgets, ist das SCCA-Ljubljana in all diesen Jahren sehr aktiv geblieben und wir planen, dies auch so weit wie möglich in der Zukunft zu bleiben. Die Intensivität unserer Arbeit beweist, dass Enthusiasmus und Innovation, trotz allem, die Hauptcharakteristika des Zentrumpersonals und seiner MitarbeiterInnen sind. Wir hoffen daher stark und glauben, dass es uns gelingen wird, eine Lösung für unsere zukünftige Förderung in den nächsten Jahren zu finden. Im Augenblick erleben wir eine wirtschaftliche und politische Krise in unserem Land, bei der Kunst & Kultur keinen sehr wichtigen Bereich repräsentieren. Die Budgetkürzungen und die verringerte soziale Sicherheit haben diesen Sektor stark beeinflusst, besonders die NGOs und die freien KulturarbeiterInnen. Wir hoffen sehr, dass sich die Situation in Slowenien langsam stabilisiert und dass einige entscheidende Probleme in der lokalen Kulturpolitik gelöst zu werden beginnen sowie dass die einzigartige und wichtige Rolle des SCCA–Ljubljana anerkannt wird.

Aus dem Englischen von Dörte Eliass



Kurzbiographie:

Barbara Borčić ist Kunsthistorikerin und Medientheoretikerin (Geisteswissenschaftliche Fakultät, Universität Ljubljana; Institutum Studiorum Humanitatis, Postgraduale Fakultät der Humanwissenschaften: Medienwissenschaften und Anthropologie, Ljubljana). Sie ist Direktorin des SCCA, Center for contemporary arts – Ljubljana (SCCA–Ljubljana).

Borčić ist aktiv im Feld der zeitgenössischen Kunst als freiberufliche Kuratorin und Autorin mit einem Fokus auf Performance and Videokunst tätig. Sie hat an einer Reihe internationaler Symposia, Ausstellungen &Festivals teilgenommen, darunter Ostraniene Dessau, SEAF Rotterdam, Interstanding Tallinn, Outskirts Vittoria, Transmediale Berlin und die Ars Electronica Linz.

Sie ist Autorin der Bücher: „Stvar / Thing: Marko Kovačič, Short History – Part I“ (1994); „Bogdan Borčić: Grafike / Graphic Art“ (2001); „The Loving Sight: Marko Kovačič, Short History – Part II“ (2006); „Celostna umetnina Laibach / Gesamtkunstwerk Laibach“ (2014).

Sie hat Texte in verschiedenen Büchern, Katalogen und Magazinen publiziert, z.B. war sie als Direktorin der ŠKUC Gallery in den 1980er-Jahren an der ,alternativen Kunstszene‛ in Ljubljana beteiligt – der weit verbreiteten Kulturbewegung in Slowenien – und hat spannende künstlerische Praktiken und soziale Kritik initiiert.

Im Rahmen des SCCA–Ljubljana war sie Mitbegründerin von „Urbanaria“ und „Media in Media“ und Leiterin des „Videodokument: Video Art in Slovenia 1969–1998“ (Dokumentations- und Forschungsprojekt), sowie von „Videospotting“ (kuratierte Videoprogramme) und „Internet Portfolio“ (kuratiertes Webprojekt); sie war Co-Herausgeberin der „Žepna Pocket Edition“ sowie von Forschungsprojekten/Publikationen der PlatformaSCCA: „Manifesta in Our Backyard“ und „What Is to Be Done with ‘Balkan Art?“; sowie Beraterin der „World of Art, School of Contemporary Art“. In jüngeren Jahren hat sie das „DIVA Station“ – ein physikalisches und Online-Archiv von Videos und Kunst der neuen Medien sowie das kollaborative Forschungs- und Ausstellungsprojekt „A Video Turn“ ins Leben gerufen.




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