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In seiner letzten Publikation The Antinomies of Realism konstatiert Frederic Jameson, die Geschichte des Realismus werde meist als Geschichte der Oppositionen dargestellt: Realismus vs. Romantik, Realismus vs. Naturalismus, Realismus vs. sozialistischen Realismus etc. … Jameson schreibt: „Die meisten dieser binären Gegensatzpaare werden daher zu einer leidenschaftlichen Parteinahme führen, in welcher der Realismus entweder verurteilt oder zu einem Ideal erhoben wird (ästhetisch oder in anderer Hinsicht). Die Definition des Realismus durch eine solche Opposition kann auch eine geschichtliche oder periodisierende Natur annehmen. In der Tat impliziert die Opposition zwischen Realismus und Modernismus bereits ein geschichtliches Narrativ, das nur bedingt auf ein strukturelles oder strukturalistisches zu reduzieren ist...“[1]

Diese Widersprüche faszinierten Generationen von AutorInnen, KünstlerInnen und TheoretikerInnen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Debatten waren wegweisend, wie beispielsweise der hinlänglich bekannte Disput zwischen Georg Lukács und Bertold Brecht am Ende der 1930er-Jahre. Lukács kritisierte Brechts modernistische Methoden und favorisierte formal realistische Repräsentationstechniken; das Leben der Charaktere eingebunden in und geformt durch die Widersprüche der historischen Totalität. Brechts Auffassung hingegen war eine andere. Er meinte mit Marx, dass Kunst nicht ein Spiegel sei, den man der Wirklichkeit vorhalte, sondern ein Hammer, mit dem man sie verändern könne. Jenes Konzept also, welches im Weiteren dem Publikum als sozialen AkteurInnen auch das Potential gesellschaftlicher Veränderung zuspricht.

Wie auch immer, dies ist eine historische Debatte und es ist nicht unser Ziel diese – in unseren Augen – falsche Opposition zwischen ,,Modernismus“ und ,,Realismus“ noch weiter zu vertiefen. Unserer Meinung nach besteht hingegen die Notwendigkeit, das Potenzial des Realismus in der Gegenwart zu debattieren. Diese Diskussion ist einerseits direkt verbunden mit den Produktionsbedingungen, mit denen sich die Kunst- und KulturarbeiterInnen aktuell konfrontiert sehen, und andererseits mit ihrem politischen Engagement. Um an dieser Stelle David Riff zu zitieren: „Realismus stellt nicht länger eine Wahlmöglichkeit dar, sondern eine zunehmende Zwangsläufigkeit.“[2]

In Reclaiming Realism präsentieren wir fünf Positionen, welche die Zusammenhänge und Widersprüche von Realismus und Avantgarde, Parteinahme, Repräsentation und Partizipation, aber auch von Organisation und politischer Intervention von Kunst- und KulturarbeiterInnen in der Praxis aufzeigen. Den ersten Beitrag bildet Goran Pavlićs Text Krležas (Rück)wendung zum Realismus. Er porträtiert darin eine der prominentesten Figuren des Disputs der literarischen Linken in Jugoslawien, den kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža. Pavlić reflektiert jenen Moment in Krleža’s Entwicklung als politischem Literaten, in dem er sich einer neuen „Direktheit“ und einer „qualitativen“ Dramaturgie zuwendet. Pavlić zeigt, wie Krleža in seinem Essay „Europa Heute“ Wissensproduktion und Kapitalismus als zentrale Beispiele des genuinen Widerspruchs analysiert und schließt, dass Krleža nicht nur das Problem der strukturellen Intransparenz des kapitalistischen Systems antizipiert, sondern auch das des Status des Wissens in kapitalistischen Gesellschaftszusammenhängen.

Bemerkungen über die Avantgarde ist ein Text von David Riff, der bereits vor sieben Jahren – weit zurückliegend im Jahr 2007 – als Beitrag einer Ausgabe des Chto Delat Magazins mit dem Titel „Debates on the Avantgarde “ publiziert wurde. Trotz alledem, viele Gedanken sind weiterhin relevant für unsere Diskussion, wenn auch Riff selbst einräumt, einige seiner Ansichten hätten sich heute geändert (und der Text wäre nun mehr „Pro-Lifshitz“). Für uns sind seine Überlegungen über die avantgardistische Natur des Realismus des 19. Jahrhunderts sowie im Hinblick auf eine transhistorische Rahmung des Realismus interessant. Der Grund, diesen Text zu publizieren, ist vor allem anderen jedoch seine Qualität, Verbindungen zwischen einer historisch-theoretischen Diskussion und praxisbezogenen Überlegungen über die Unvermeidbarkeit des Realismus heutzutage herzustellen.

Danilo Prnjat diskutiert in einem kritischen Zugang zu Rancières Ideen von Anti-Autorität und Partizipation Probleme der Repräsentation und Partizipation in Politik der Repräsentation: Performing the People – Zur Partizipation der Menge in Avantgarde-Praktiken. Er argumentiert mit Hall Foster gegen eine Delegimitisierung der kritischen (avantgardistischen) Position im Postmodernismus und fordert eine Neudefinition des Verhältnisses zur Repräsentation, eine, welche die Barriere des Formalismus subvertiert und die materiellen Bedingungen der Produktion reflektiert.

Die Konversation mit Vesna Vuković über „Parteinahme in der Kunst“ wurde ursprünglich von einem Artikel zu Realismus, Modernismus und Fotografie initiiert, den John Roberts als Beitrag zu dieser Ausgabe offerierte. Die derzeit ungelöste Copyright-Frage jedoch veranlasste uns, ihn hier nun nicht zu publizieren. Vesna Vuković beginnt ihren Beitrag mit der Diskussion der historischen Position sozial engagierter Kunst als Feld für Propagandaarbeit der kommunistischen Partei Jugoslawiens, um in Folge die gegenwärtige Situation kritisch zu beleuchten, wenn Kunst politische Agenden übernimmt, ohne den Kontext politischer Kräfte zu berücksichtigen, die diese implementieren könnten.

Mit dem Text Realismus neu betrachtet: ArtLeaking im Zeitalter von Art Incorporated von Corina L. Apostol gelangen wir schließlich zur Frage der künstlerischen Produktion und praktischer politischer Arbeit. Die Autorin nimmt Courbets politisches Engagement in der Kommune als Beispiel für den Übergang vom Realismus in der Kunst zu konkreter politischer Praxis. Ihr Verständnis des Künstlers oder der Künstlerin – entsprechend Gramscis Begriff des „organischen Intellektuellen“ – betont die Notwendigkeit der politischen Organisation von Kunst- und KulturarbeiterInnen und demonstriert die Strategien verschiedener Künstlergruppierungen und Organisationen, wie ArtLeaks oder W.A.G.E.

Aus dem Englischen von Mira Turba

Literatur:

[1] Hier übersetzt von Dörte Eliass.
[2] Ebenso.

Unterstützt von:

BKA
ERSTE Foundation
MA 7 - Interkulturelle und Internationale Aktivitäten
Stadt Wien - Kulturabteilung MA 7

In Zusammenarbeit mit:

Istanbul Bilgi University




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