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Korrekturen und Erklärungen

Duygu Demir »


Anita Di Biancos Publikationsserie Korrekturen und Erklärungen, mit den Untertiteln Entschuldigungen und Deklarationen, Verleugnungen und Distanzierungen, Widerrufe und Weigerungen, ist eine Gegendarstellung – eine Zeitachse lesbar in umgekehrter Chronologie, von rechts nach links, eine antagonistische Geste und vielleicht, geradezu literarisch, eine Reversion. Produziert seit 2001 und herausgegeben im Rahmen von Ausstellungen in Banja Luka, Berlin, Derby, Istanbul, Leuven, Ljubljana, Nürnberg und Zürich bezieht Korrekturen und Klarstellungen sein Format und den Großteil seiner Inhalte aus Tageszeitungen.

Das Organisationsprinzip dieser unregelmäßig erscheinenden Publikation ist simpel. Die Herausgeberin, in diesem Fall die Künstlerin, reproduziert und re-publiziert eine Auswahl von Korrekturdeklarationen aus Zeitungen. Weitere Attribute sind eine kurze, minimale Herausgebernotiz auf der zweiten Seite jeder Ausgabe und eine Liste von Quellen am Ende der Publikation. Anita Di Bianco präsentiert diese Auswahl mit der Überlegung „…vielleicht ist, was nicht intentional und durch sich wiederholende Fehler entlarvt wird, signifikant offenbarender, historisch präziser und substantiell weniger versöhnlich als es ursprünglich gemeint war.‟

Jede der Ausgaben zeichnet sich durch subtile Änderungen des grafischen Designs aus, gleichzeitig jedoch reproduziert Korrekturen und Erklärungen die etablierten, grafischen und taktilen Parameter einer Zeitung. Herausgegeben entweder im Klein- oder Flugblattformat, gedruckt in Schrift mit schwarzen Serifen auf Zeitungspapier. Die Korrekturen sind in Spalten unter dem jeweiligen Datum arrangiert, akzentuiert durch graue Boxen und nach Anita Di Biancos freiem Ermessen fett und kursiv gesetzt, entsprechend der gängigen Form.

Jede Ausgabe von Korrekturen und Erklärungen, gedruckt in Auflagen zwischen 500 und 5.000 Exemplaren, wurde entweder im Kontext der Ausstellung, für die sie gedruckt wurden, gratis vertrieben oder war später zum Preis von einem US Dollar bei Printed Matter New York erhältlich. Im Laufe der Entwicklung des Projekts, in den letzten zehn Jahren, erweiterte Korrekturen und Erklärungen nicht nur sein Grundmaterial, eine größere Selektion aus Zeitungen und anderen Quellen, wie Twitter, sondern ließ auch die anglophone Welt mit einigen zweisprachigen Ausgaben in Slowenisch, Deutsch und zuletzt einer ausschließlich türkisch gedruckten Ausgabe hinter sich.

Die erste Ausgabe von Korrekturen und Erklärungen erstreckt sich über den Zeitraum von 1. September 2001 bis 4. Juli 2002.[1] Sie umfasst vierundzwanzig Seiten an Korrekturen aus größtenteils weiträumig vertriebenen Zeitungen des englischsprachigen Raums wie The New York Times oder der Jakarta Post. In ihrem Vorwort lenkt Di Bianco unsere Aufmerksamkeit auf das nur vermeintlich willkürliche Enddatum der Ausgabe „ … In den Vereinigten Staaten ist der [4. Juli ] jene jährlich wiederkehrende Erinnerung an die ursprüngliche Intention der Kolonien, eine Nation zu schaffen, die auf demokratischen Prinzipien basiert.‟. So sehr diese symbolische Geste der Reanimation der revolutionären Bestrebungen des Nationalfeiertags signifikant ist, da hiermit auch die Natur des politischen und sozialen Engagements bestimmt wird, welches sich durch das Projekt zieht – so ist es dennoch das Anfangsdatum der Ausgabe, das weit mehr verrät.

Meine Vermutung ist, dass die Künstlerin hier intuitiv (oder, sichtlich bewusst) eine Zeitspanne wählt, die das Davor und Danach des 11. September 2001 abdeckt, also einen Moment der Entgleisung, der sowohl die immense repräsentative Macht der Medien signifiziert wie auch ihr schier unerschöpfliches Potenzial der Instrumentalisierung in der Ausformung eines Narrativs, welches die [diesem historischen Datum] folgenden Aktionen und Ereignisse legitimisieren und rechtfertigen sollte. Hervorzuheben sind in diesem Kontext der Einmarsch der Vereinigten Staaten in Afghanistan und Irak im Jahr 2003. Die sozialen, ökonomischen und politischen Auswirkungen dieser Ereignisse reglementieren und definieren nach wie vor und weltweit unsere Gegenwart. Die Künstlerin deklariert hier, in dieser ersten Ausgabe, ihre Motivation für das Projekt durch einen Bericht, welchen sie in jeder der sich minimal veränderten Ausgaben, die noch folgen sollten, wiederholen wird:

„In Verteidigung, TV/ UnterhaltungsproduzentInnen für die Produktion einer Realityshow Zugang zu US Truppen in Afghanistan erteilt zu haben, erklärt Admiral Craig Quigley der Presse gegenüber folgendes: „Es gibt so einige andere Wege, um dem amerikanischen Volk Informationen zukommen zu lassen, als über Nachrichtenorganisationen.‟ (22. Februar 2002). Für den Augenblick wurde die unterschwellige Drohung ignoriert. Es gilt offensichtlich, diese Doppeldeutigkeit nicht zu diskutieren, nicht weniger vielversprechend ist es jedoch, die Kontradiktionen, die diese Art der Aussage produziert, verlangt und erzwingt, neu zu evaluieren. Dies ist also eine Zeitung ohne Schlagzeilen, die den Zweideutigkeiten erlaubt, zu sich selbst zu sprechen.“

Diese erste Wiederholung des Projekts verkörpert die Motivation und Interessenslage der Künstlerin direkter und offener als alle anderen Themen, die diesem folgen sollten. Beginnend am 4. Juli 2002, mit verschiedenen Einträgen unter jedem folgenden Datum, die in umgekehrter geschichtlicher Reihenfolge angeordnet sind, hebt Di Bianco ihr eigenes Interesse an diesen korrektiven Ankündigungen hervor, indem sie bestimmte Teile kursiv setzt. Die Beispiele solcher Kursivsetzungen entsprechen ihrem Interesse an den politischen und sozialen Agenden, Faktoren der Ökonomie, der Überwachung, der Repräsentation oder des Gesetzes, die den Selektionsprozess dieser Korrekturen reglementieren, wie: „Preisänderungen in den Vereinigten Staaten bei Öl aus dem Irak“; „Die Polizei fokussiert CCTV“; „Bilder der bombadierten afghanischen Lager“; „Wie ein Nuklearkrieg verhindert wird“, oder „Da ist kein Weg, die loyale LeserInnenschaft zu narren (nicht, ,da ist ein Weg’).

Di Biancos inhärente Überzeugung bezüglich der entlarvenden Kraft von Druckfehlern, faktischen Fehlern, Fehlleistungen (seien es Freud’sche oder nicht), Irrtümern oder fehlerhaften Darstellungen ist evident, ihr individueller Entscheidungsprozess wird sichtbar anhand der grafischen Akzentuierungen von fett und kursiv Gedrucktem oder grauen Umrahmungen. Mit der ersten Ausgabe von Korrekturen und Erklärungen entwickelt sich so eine Art ethnografischer Blick auf Euphemismen und Irrtümer, eine Präsentation alternativen Wissens, ein Exposé der Untertöne.

Ironischerweise weist Anita Di Bianco jeden Anspruch der Urheberschaft von sich. Sie nennt allerdings vier Akteure, denen diese Anerkennung zusteht, die UrheberInnen der Aussagen, die sie wiedergibt (AutorInnen, d.h. KorrektorInnen): „… jene, die das Material dieser Publikation geliefert haben, indem sie sich selbst oder andere korrigierten“; die HerausgeberInnen; dann „jene Recherchierenden, BearbeiterInnen, das mittlere Management und die ultimativen Regulatoren der öffentlichen Information, die es auf sich nehmen (oder es anderen auferlegen) umzubenennen, umzuklassifizieren, zu verschleiern, zu entschärfen oder nachzubefragen …“ und jene, deren Fehlleistungen den Anstoß zu den Korrekturen gab, „…die, jenseits ihrer eigentlichen Intention, etwas entlarven, etwas Stück für Stück freilegen, durch einen Fauxpas in der Sprache oder in der Benennung‟; und zuletzt, die LeserInnen von Korrekturen und Erklärungen, die diesen Revokationen, Widerrufen und Korrekturen ebenso kritisch gegenüberstehen, wie den Originalen.

Anita Di Biancos Statement ist reich an unterschwelliger aber intensiver Kritik an den etablierten Filtersystemen und ihre Schlussfolgerung ist tatsächlich aufschlussreich. Wie auch immer, durch die Rückattribuierung der Danksagungen tritt ihre eigene Präsenz taktvoll in den Hintergrund. Während sie spezifische Muster in Sprache und Berichterstattung in den Worten anderer hervorhebt, spricht sie durch diese anderen in ähnlicher Weise wie jene Zeitungen ihrerseits durch die tagesaktuelle Berichterstattung, jedoch innerhalb ihrer eigenen Agenda.

Die Ausgaben, die dieser ambitionierten ersten folgen sollten, bleiben dieser der Form gemäß loyal; die dem Selektionsprozess merklich inhärenten Interessen der Künstlerin jedoch verschwinden mit jeder Ausgabe zusehends. In der Ausgabe, welche die Korrekturen zwischen 15. August 2004 und 1. Januar 2005 abdeckt, verschwinden Kursivsetzungen und Fettgedrucktes vollkommen. In den dieser folgenden finden sich zusehendes weniger graue Boxen oder andere Veränderungen durch größere Schrift, die bestimmte Einträge hervorheben würden. In zwei Fällen jedoch wird die Präsenz der Künstlerin wieder offensichtlich; in ihrem Vorwort zur sechsten Ausgabe lenkt Di Bianco die Aufmerksamkeit der LeserInnen auf ein Versäumnis, „dessen Abwesenheit seiner letztlichen Zulassung als Beweis dient“, sie statuiert, dass es keine Korrekturen des Öl-Marktes gab in Relation zum massiven Anstieg der vierteljährlichen Profite der Firmen und apostrophiert damit ihr Interesse und ihre Erwartung an die Signifikanz dieser [fehlenden] Information. Ihr Interesse gilt im Speziellen den direkten ökonomischen Auswirkungen der politischen Entscheidungsprozesse. In der elften Ausgabe setzt Korrekturen und Erklärungen ein neues Filtersystem ein; es „hinterfragt in Zeitungsberichten zu Fragen von Gender und Sexualität im Spezifischen die Frequenz und die Wiederholung von Fehlern und die ihnen so inhärente Limitierung in Reichweite und Breitenwirksamkeit, sei sie nun versehentlich oder gewollt“. Ein politisch und sozial brisantes Thema von wesentlicher Relevanz, das die politischen und persönlichen Prioritäten der Künstlerin offen aufzeigt.

Die bisher letzte Ausgabe von Korrekturen und Erklärungen, ausschließlich in türkischer Sprache publiziert, mit nur marginalen Änderungen des Formats, befasst sich mit den lokalen Nachrichten und Berichterstattungen in der Türkei im Zeitraum vom 2. Januar 2012 bis 27. Juli 2014.[2] Diese Publikation beinhaltet nicht nur die korrektiven Deklarationen, die in Zeitungen abgedruckt wurden, sondern auch andere Korrekturschreiben, Briefe, gesammelt und veröffentlicht von einer in der Türkei aktiven Media Watchdog Organisation, Medya Tekzip Merkezi (Medien Korrektur Zentrum), ebenso wie via Twitter verbreitete und so mit größerer Reichweite öffentlich gemachte Korrekturen, der dominanten Stellung der Sozialen Medien als primärem Instrument zur Distribution von Nachrichten adäquat – denen so auch eine Schlüsselposition zukommt in einem Land, in dem der Freiraum der gedruckten Medien extrem eingeschränkt scheint.

Vielleicht nicht weiter überraschend hebt diese Ausgabe genau jene Korrekturen hervor, die jegliche Wahrheit negieren bezüglich dessen, was gemeinhin als spekulative Berichterstattung erachtet wird; die Widerlegungen kommen aus dem Präsidentenamt, von den Mitgliedern des Parlaments, aus den Verwaltungen, von Fußballspielern und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Interesses – meist unterzeichnet von ihren Bevollmächtigten. In dieser Ausgabe findet sich weiters eine hohe Konzentration an Deklarationen, die Zeugnis über Diffamierungen ablegen. Die Überzeugung der Intentionalität der falschen Darstellungen, der faktischen Fehler und eine prononcierte Einstellung in diesen Widerlegungen, die nur schlecht versteckt scheint, billigt die Gemeinsamkeiten dieser Berichterstattung mit Hintergedanken.

Hier agieren die Korrekturen mehr als Barometer der ethischen Standards der Berichterstattung in der Türkei, weniger als Wertmesser ihres Mangels. Verfasst von öffentlichen Figuren wie PolitikerInnen, Offiziellen und Regierungsbüros dienen diese Korrekturen der Anschuldigung und Einschüchterung. Das Phänomen wird so schnell zu einem Seismographen der politischen Infiltration.

Betrachtet man Korrekturen und Erklärungen als konzeptionelle Übung im öffentlichen Dienst, die enthüllt, wie die komplexen bürokratischen, politischen, sozialen psychologischen und legalistischen Strukturen durch verfängliche Wissensproduktion unsere Wahrnehmung der Berichterstattung regulieren, illustriert und repetiert das graduelle Verschwinden des sichtbaren Eingriffs der Künstlerin genau jenes Schema des Journalismus, welches Di Bianco offenlegen will.

Der Entscheidungsprozess, was gedruckt wird, ist intransparent: Die verschiedenen Konditionen, die den Selektionsprozess der Herausgeberin reglementieren, sind für die LeserInnen nicht offenkundig, die Ursprünge der gewählten Quellen sind meist nicht erkenntlich, ebensowenig wie die Limitierungen der Sprache oder auch Fehler in der Übersetzung, die ins Spiel kommen, wie in den bilingualen Ausgaben, in welchen die Künstlerin abhängig ist von Dritten, deren Beweggründe und Stil nichtsdestoweniger in die Übersetzung involviert sind. Dieser besagte intransparente Mechanismus der Veröffentlichung, ironischerweise und doch offensichtlich, wird in Korrekturen und Erklärungen selbst repetitiv. Anita Di Bianco meint „… Vielleicht ist, was nicht intentional und durch sich wiederholende Fehler entlarvt wird, signifikant offenbarender und historisch präziser, […] als es ursprünglich gemeint war,“ was die Frage aufwirft: Kann man Korrekturen korrigieren? Und wenn, und irgendwie naiv gefragt, wer wird das tun? Dem letzten Apell der Künstlerin an die Notwendigkeit des Zweifels, ihrer Hoffnung, dass „[die] LeserInnen diesen Revokationen, Widerrufen und Korrekturen ebenso kritisch gegenüberstehen, wie den Originalen“ wird allein durch die Relevanz ihres Projekts selbst Rechnung getragen. Eine faszinierend gestaltete künstlerische Arbeit, welche die Facetten der gesellschaftlichen Komplexität in unterschiedlichen Geografien deutlich macht; Di Biancos Projekt produziert damit genau jene kritischen LeserInnen, nach denen es fragt.

Aus dem Englischen von Mira Turba

Fußnoten:

[1] Diese erste Ausgabe der Publikation wurde in Zusammenarbeit mit der Rijksakademie van Beeldende Kunsten, Amsterdam produziert und in Amsterdam gedruckt.
[2] Die letzte Ausgabe von Korrekturen und Erklärungen mit dem Titel Düzeltmeler ve Açıklamalar wurde in Kooperation mit dem Non-Profit-CollectorSpace und BAS produziert und in Istanbul gedruckt. Dies folgte auf die ebenfalls dort gezeigte Ausstellung „Corrections and Clarifications from the BAS Collection“ (5. Februar – 22. März, 2014).



Kurzbiographie:

Duygu Demir ist Schrifstellerin und Kuratorin, sie lebt in Istanbul und Cambridge. Derzeit setzt sie ihr Studium am MIT’s History, Theory, and Criticism of Art and Architecture fort. Sie war bisher in der Programmkoordination für das Kulturzentrum SALT Istanbul tätig, ihr demnächst kuratiertes Projekt, „Unbecoming a Place“, wird im Rahmen des Contemporary Art Center of South Australia (CACSA), Adelaide im Frühling 2015 präsentiert.




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