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Diskussion mit Burak Arikan, Gründer des Kollektivs „Networks of Dispossession“ („Mülksüzleştirme Ağları“)

Berin Gölönü »


Das kollektiv produzierte Projekt „Networks of Dispossession“ („Mülksüzleştirme Ağları“) entstand während der ersten Tage der Widerstandsbewegung im Gezi-Park im Juni 2013. Burak Arıkan, Künstler der Neuen Medien, hatte am Sit-in im Gezi-Park teilgenommen und organisierte daraufhin einen „Mapping Dispossession Workshop“. Der Workshop hatte zum Ziel, die Beziehungen zwischen dem türkischen Staat und den BesitzerInnen und GeldgeberInnen der Mega-Bauprojekte zu verorten, welche das urbane Bild Istanbuls transformieren. Aus dem Workshop entwickelte sich ein Kollektiv, zu dem Yaşar Adanalı, Ayça Aldatmaz, Esra Gürakar, Özgül Şen, Zeyno Üstün und Özlem Zıngıl gehören. Sie alle erbringen Basisarbeit mit anonymen MitarbeiterInnen und sammeln Forschungsergebnisse, die mit den dominierenden Machtbeziehungen der Kapitalflüsse in der Türkei zu tun haben. Dann platzieren sie die relevante Information in eine interaktive Online-Plattform, die „Graph Commons Network Mapping Plattform“.

Die Karten zeigen Unternehmensstrukturen, Regierungsorganisationen und Medienkanäle als Knotenpunkte, die miteinander durch Investitionen und Verträge in den am meisten umkämpften Bauprojekten in der Türkei verbunden sind. Sie beinhalten außerdem Informationen über nicht-muslimische Minoritäten und Gründungen, die seit der Gründung der türkischen Republik ihres Landbesitzes beraubt wurden. Die ersten drei Karten des „Networks of Dispossession“ wurden bei der Istanbul Biennale im September 2013 gezeigt. An dem Tag, als sie gleichzeitig online gingen, besuchten 50 000 Personen die betreffenden Seiten. Open Systems traf Burak Arıkan, um mit ihm die Entwicklung und die Zukunft des Projektes zu diskutieren, zu dem auch ein wichtiges Update der Forschungsdatenbank und neue Interface-Features gehören.

Open Systems (OS): Die ursprüngliche Struktur des Projektes wurde um drei Karten herum organisiert. Jetzt umfasst sie neun Karten. Wie ist das passiert?

Burak Arıkan (BA): Die erste Version des Projektes, die im September 2013 gezeigt wurde, umfasst drei ursprüngliche Überblickskarten. Vor kurzem haben wir die Version II vorgestellt, die Information über 393 Bauprojekte, 433 Unternehmen und 45 Regierungsinstitutionen enthält, darunter Tausende von Verbindungen zwischen „Enteignungsakteuren“. Die großen Karten enthalten eine Menge Information über Partnerschaften der Regierung und des Privatsektors. Wir dachten, dass dies vielleicht zu viel Information für einen oder eine BesucherIn sei, um sie auf einen Blick erfassen zu können. So nahmen wir einzelne, enger gefasste Narrative aus jeder einzelnen Überblickskarte. Diese ausgewählten Subkarten erzählen spezifische Beziehungen zwischen beispielsweise TOKI Gebäuden (von der Regierung unterstützt, Wohnhochhäuser für gemischte Einkommen) und ihre Verträge mit privaten Baufirmen. Indem wir diesen Auswahlmechanismus der Subkarten nutzen, kann jeder, der diese Karten ansieht, ihre eigenen Narrative über diese Beziehungen erfassen und ihre eigenen Studios über diese Auszüge veröffentlichen.

OS: Können Sie ein Beispiel für jemanden geben, der sich genauer mit den Daten befasst und seine eigene Karte veröffentlicht hat?

BA: Ja, diese Narrative spiegeln zeitgenössische Events. Zum Beispiel, sofort nach dem Grubenunglück im Mai 2014, als 301 BergarbeiterInnen aufgrund unsicherer Arbeitsbedingungen in der Mine starben. Jemand erstellte eine Karte der Vorstandsmitglieder der Bergbaugesellschaft, und von deren Verbindungen. Ein noch jüngerer Fall war die illegale Besetzung der Kolin Holding des Landes, das sich eigentlich im Besitz des Manisas Yirca Village befand, und die Zerstörung von 6000 Olivenbäumen, um noch ein weiteres Kernkraftwerk zu bauen. Kurz nach dem Ereignis stürmten die Menschen zu den Online-Karten, fanden die Kolin Holding und ihre anderen Verträge mit der Regierung, wählten sie aus und verbreiteten sie überall. Das wurde in den sozialen Medien rasend schnell bekannt. Als die UserInnen von einer neuen Katastrophe hörten, wie dem Tod eines Bauarbeiters, verwendeten sie diese Karten sofort, um die Täter des Verbrechens ausfindig zu machen – wie die BesitzerInnen der Baufirmen, die für die unsicheren Arbeitsbedingungen jener ArbeiterInnen verantwortlich waren.

OS: So konnte ein repetitives Muster entstehen, durch welches der oder die UserIn sehen kann, dass dieselben Unternehmen (oder ihre PartnerInnen), die für diese Arbeitsmorde in der Vergangenheit verantwortlich waren, auch für das ständige Neuauftreten dieser Verbrechen verantwortlich sind?

BA: Ja, mit dem jüngsten Update wurde es nützlicher für Menschen, jeden dieser TäterInnen schnell ausfindig zu machen und auf diesen zu verweisen. Unser Ziel besteht darin, eine Ressource zu generieren, die Menschen in Anspruch nehmen können, wenn sie diese brauchen, etwas, das zu öffentlichem Wissen über zeitgenössische Themen beitragen kann. In einem weiteren Beispiel, als der Korruptionsskandal gegen die AKP-Führung im Dezember 2013 ausbrach, gab es auf der Webseite viel Betrieb. Alle im Korruptionsfall erwähnten Namen, wie die Cengiz Holding Company, sind in diesen Karten enthalten.

OS: Was sind die Beziehungen dieser Unternehmen mit der Regierung?

BA: Die Unternehmen, die große Bau-und Energieverträge von der Regierung bekommen, sind auch InhaberInnen von Mainstream-Mediengesellschaften. Im Austausch für diese Verträge publizieren sie, was die Regierung möchte, dass sie schreiben. Die Partnerschaften, die durch legale Konzessionen zwischen Medienoligarchen und Regierungsinstitutionen zustande kommen, machen die Mainstream-Medien zu einem Marketingwerkzeug und lassen die Öffentlichkeit uninformiert über Prozesse, die uns unserer Luft, unseres Wassers, unseres Bodens und unserer öffentlichen Räume berauben.

OS: Es gibt eine Menge ReporterInnen, die im vergangenen Jahr ihre Arbeit verloren haben; die Hälfte davon dafür, dass sie Artikel verfassten, in denen sie mit dem Gezi-Widerstand sympathisieren. Haben Sie mit irgendwelchen JournalistInnen zusammengearbeitet, um Ihre Daten zu sammeln?

BA: Unsere kollektive Arbeitsgruppe umfasst JournalistInnen, RechtsanwältInnen, SoziologInnen, KünstlerInnen und TechnologInnen. RechtsanwältInnen fördern ein Verständnis des Justizsystems, JournalistInnen tragen die Stimme bei, mit der sie diese Daten an die Öffentlichkeit kommunizieren, AkademikerInnen fördern wissenschaftliche Klarheit, TechnologInnen und KünstlerInnen wie ich selbst entwickeln und gestalten die Plattform und führen die Arbeit zusammen. Von Anfang an haben wir das Projekt für jeden und jede geöffnet, die teilnehmen wollte. Wir hatten sogar RegierungsagentInnen, die mit uns arbeiten wollten, sodass sie ausspähen konnten, was wir taten.

Eine sehr positive Entwicklung besteht darin, dass unabhängige Medienkanäle innerhalb der Türkei begonnen haben, unsere Karten als Ressource für ihre Berichterstattung zu nutzen.

OS: Können Sie über Ihren Arbeitsprozess reden? Ich weiß, dass Sie öffentliche Workshops abhalten, um ihr Arbeitssystem weiterzugeben und zu Zusammenarbeit einzuladen.

BA: Wir haben einen hybriden Arbeitsprozess. Wir treffen uns physisch, wenn wir können, und chatten regelmäßig online, wir veranstalten Video-Meetings, wir arbeiten an gemeinsamen Datenblättern und verzeichnen die Netzwerke, indem wir uns die „Graph Commons Online kollaborative Verortungsplattform“ zunutze machen, die ich seit 2010 entwickelt habe. Wir veranstalten Workshops und treffen uns gelegentlich bei Dinner Parties, bei denen wir unserer kollektiven Arbeit ein soziales Element zufügen. Menschen nehmen teil, indem sie uns Daten per E-Mail schicken. In Projekt-zu-Projekt Kollaborationen tauschen wir Daten mit Gruppen aus wie „Diren Çevre“(„Umweltwiderstand“), einer politischen Ökologie-Gruppe, die an der Boğaziçi Universität beheimatet ist; sie erstellen Karten über die ökologische Korruption in der gesamten Türkei. Wir haben auch zusammengearbeitet und haben Daten mit Gruppen ausgetauscht wie „Bir Umut Derneği‚ („Vereinigung Hoffnung“) und Işçi Güvenliği („Sicherheit für ArbeiterInnen“), die Arbeitsverbrechen in der Türkei überprüfen. Durch diese Kollaborationen haben wir Informationen über ArbeiterInnen hinzugefügt, die im Zuge großer Bauprojekte gestorben sind, wie der neuen Marmaray Hochgeschwindigkeits-Metro Bahn, die den Bosporus durchquert.

„Networks of Dispossession“ ist tatsächlich ein solidarischer Zusammenschluss verschiedener Projekte und öffentlicher Verteidigungsgruppen. Dieser solidarische Geist entzündete auch den Gezi-Widerstand – Einzelpersonen, die an sehr spezifischen Zielen arbeiten, sind mit anderen zusammengekommen, die selbst emsig mit ähnlich gearteten Projekten bemüht waren, einen größeren politischen Widerstand aufzubauen.

OS: Es ist schwierig, Entscheidungen zu treffen, wenn Sie auf kollektive Weise arbeiten. Wie entstehen Entscheidungen? Zum Beispiel, wie haben Sie die Entscheidungen im Hinblick auf die Narrative getroffen, die in den Subkarten hervorgehoben sind?

BA: Ganz klar, das gemeinsame Fällen von Entscheidungen, die gegenseitige Ermutigung zu freiwilliger Arbeit sind die herausfordernsten Themen jeder kollektiven Arbeit. Indem wir uns auf einige Kernbeispiele einigen, treffen wir unsere Entscheidungen schneller. Motivationen kommen von der emotionalen Anteilnahme einer jeden Einzelperson und dem Engagement für unsere Sache.

Wir folgen einer spiralförmigen Forschungsmethodologie, die auch beinhaltet, dass wir mit Wissen beginnen, das von unserer eigenen Umwelt gewonnen wird, und das sich von dort ausbreitet. Im ersten Workshop am 6. Juni 2013 waren wir im Gezi-Park und wir begannen, die Bauunternehmen zu verzeichnen, die sich vertraglich verpflichtet hatten, an diesem Ort illegal zu bauen, gefolgt von der Restaurierung des benachbarten Atatürk Kulturzentrums am Taksim-Platz, und der Umgestaltung des Taksim-Platzes (tituliert als „Taksim Pedestrianization Project“). Dann erweiterte sich unsere Forschung auf die Gentrifizierung des benachbarten Tarlabaşı-Distriktes. Die Gap Construction Company, im Besitz der Çalık Holding, übernimmt die städtische Erneuerung des Tarlabaşı-Viertels. Als wir begannen zu fragen, „Welche anderen Bauverträge hat Çalık von der Regierung bekommen?“ erkannten wir, dass das Unternehmen auch in anderen Teilen der Türkei Energiefirmen betreibt. Unsere Methodologie begann, sich geografisch auszubreiten, als wir aber den Beziehungen der Verträge nachspürten, verbreitete sich unsere Forschung schnell in der ganzen Türkei.

OS: Sie haben eine Invasion des Landes verortet.

BA: Unternehmen wie die Doğus Holding und Doğan Holding, welche die Mainstream-Medienkanäle besitzen, sind auch Partner beim Bau und Betrieb der Hydro-Elektrischen Kraftwerke in der ganzen Türkei (HEPPs). Diese Kraftwerke machen sich die Gesamtheit der türkischen Gewässer und Flüsse zunutze, um daraus Energie abzuziehen, und verweigern der örtlichen Landbevölkerung den Zugang zu diesen Wasserquellen. Personen, die ExpertInnen in diesen Themen sind, können diese Verbindungen einfach ziehen, aber für die allgemeine Öffentlichkeit ist es sicherlich schwieriger, diese Verbindungen zu knüpfen. Bauern in der Nähe von Trabzon, zum Beispiel, protestieren gegen den Bau eines HEPP an ihrem Fluss vor Ort, aber es ist dabei vielleicht nicht offensichtlich, dass das Unternehmen, welches das HEPP baut, auch die Zeitung besitzt, die Sie jeden Tag lesen. Wir brauchen kaum zu sagen, dass von diesem Protest in ihren Medienoutlets nicht berichtet wird.

OS: Ein Teil der Karte befasst sich mit enteigneten Rechtspersönlichkeiten, wobei es sich in der Regel um nicht-muslimische Minderheiten in der Türkei handelt. Die Länder, die zu diesen Minoritäten gehören, wurden vom türkischen Staat im frühen 20. Jahrhundert enteignet. Welche Bedeutung hat diese Geschichte heute?

BA: Zu diesen enteigneten, nicht-muslimischen Minoritäten gehören Armenier, Griechen, Bulgaren und Juden. Auch wenn es nie genug Information über ihre Enteignung im öffentlichen Raum gibt, führte die Hrant Dink Stiftung in Istanbul Forschung über armenischen Besitz in Istanbul durch, welcher von der Regierung vereinnahmt wurde. Die Vertreibung und folgende Enteignung ereignete sich mehrere Male in der Geschichte der türkischen Republik; zum ersten Mal nach der Bildung der Republik im Jahr 1923, dann danach ein Steuerrecht, das die nicht-muslimischen TürkInnen 1942 bestrafte und auch während der antigriechischen Pogrome im September 1955. Wir begannen mit den Forschungsdaten der Hrant Dink Stiftung und zeigten Grundstücke, die vorher im Besitz armenischen Stiftungen waren, die aber von der türkischen Regierung enteignet wurden. Dann erweiterten wir die Forschung auf Grundstücke anderer nicht muslimischer Minderheiten, die konfisziert wurden, und wiesen darauf hin, welchen Regierungsorganisationen diesen Besitz heute gehört.

OS: Benutzt oder verkauft die Regierung diese Grundstücke mit eigenem Gewinn?

BA: Viele der Liegenschaften werden mit Gewinn von der Stadt Istanbul vermietet, oder von anderen städtischen Gemeinden. Zum Beispiel betreiben sie einen Parkplatz auf einem ehemaligen armenischen Friedhof, oder sie haben das Gebäude einer ehemaligen Schule in ein Einkaufszentrum verwandelt. Das Finanzministerium der Zentralregierung steckt dann die Miete solcher Immobilien ein. Beispielsweise die großen Einkaufszentren in Beyoğlu, die innerhalb historischer griechischer Gebäude aus dem 19. Jahrhundert gebaut sind – ihr Bau ist wird immer an Unternehmen vergeben, welche die AKP unterstützen. Wir wollten diese Verbindungen zwischen der Landnahme, die heutzutage stattfindet, und jener in der Geschichte der türkischen Republik aufzeigen, und wir wollten uns auf jede einzelne Person, Organisation und Adresse beziehen, die in dieser Beziehung impliziert ist, um es NutzerInnen zu erlauben, diese Verbindungen selbst herzustellen.

OS: Erzählen Sie mir etwas über die ästhetischen Entscheidungen, die Sie trafen, um die Karten zu gestalten.

BA: Schon die Aktion allein ist eine ästhetische Entscheidung. Die Daten, die wir zur Verortung auswählten, und die Fragen, die wir stellen, sind Entscheidungen, welche das ästhetische Ergebnis bestimmen. Die Methodologie des Verortens ist ziemlich interessant, denn sie ermöglicht es uns, verschiedene Fragmente von Informationen miteinander zu verbinden, um das größere Bild zu visualisieren. Die Netzwerkkarte ist eine selbst-organisierende Software-Simulation, in der die Namen auf natürliche Weise ihre Position auf der Leinwand durch verbindende Kräfte finden und so die hauptsächlichen Akteure klar herausstellen, wie auch indirekte Verbindungen, organische Cluster, strukturelle Löcher und Sonderfälle.

Wir hoffen, dass die „Graph Commons Plattform“ Menschen in die Lage versetzt, dem Transfer von Macht in andere Felder nachzuspüren, der für sie und ihre Gemeinschaft eine Rolle spielt – Beziehungen im Bildungssektor zum Beispiel, oder in der Gesundheitsindustrie. Wir haben dies bereits in Brasilien beobachtet, wo aktivistische Gemeinschaften die Beziehungen zwischen Förderungsgesellschaften im Amazonas-Becken und ihre Unterstützung politischer Parteien untersuchen.

Wir glauben nicht, dass eine Einrichtung allein verantwortlich für die Konsolidierung der Macht ist; vielmehr handelt es sich dabei um ein Netzwerk von Beziehungen zwischen Regierungsinstitutionen und privaten Unternehmen. Diese Karten könnten uns helfen, bessere Strategien zu entwickeln, um diese Machtkonzentration zu entwirren.

Aus dem Englischen von Dörte Eliass



Kurzbiographie:

Burak Arıkan ist ein Künstler aus New York und Istanbul. Er erkundet komplexe Netzwerke mit Karten und algorithmischen Interfaces. Seine Software, Drucke, Intallationen und Performances waren international in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Arikan ist Gründer der Graph Commons kollaborativen „network mapping“ Plattform.




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