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Was mit #Ferguson passiert beeinflusst was mit Ferguson passiert: Netzneutralität, algorithmische Filter und Ferguson

Zeynep Tüfekçi »


In Ferguson geht es unter Anderem zuallererst um das Thema der Rasse und der Politik in Amerika.

Es geht jedoch mindestens im gleichen Maß um das Thema Internet, Netzneutralität und algorithmische Filter.

Es ist ein deutliches Beispiel, warum ein Satz wie „das Internet schützen“, so oft er auch verwendet wird, bei Weitem keine abstrakte Frage ist, die primär Nerds, Silicon Valley Bosse und einige wenige NGOs beschäftigt. Es ist ein Beispiel, warum „algorithmisches Filtern“ nicht einfach nur ein vager Verdacht ist.

Es ist ein Beispiel dafür, warum Netzneutralität eine Frage der Menschenrechte ist, eine Frage der Meinungsfreiheit und eine Frage derjenigen, ohne Stimme, die gehört werden müssen, zu ihren eigenen Bedingungen.

Ich konnte diese Entwicklung in mehreren Ländern beobachten – inklusive dem Land, aus dem ich selbst komme, der Türkei – letzte Nacht jedoch wurde es auch in den Vereinigten Staaten offensichtlich.

Für mich begann die Berichterstattung über Ferguson letzte Nacht in dem Moment, als die ersten Bilder von gepanzerten Fahrzeugen re-tweetet wurden, bemannt mit schwerbewaffneten „robocops“, zielend auf die Protestierenden, offenbar ein paar Hundert. Es war die vierte Nacht, nachdem ein unbewaffneter Schwarzer, Michael Brown, von einem – immer noch unbekannten – Polizisten erschossen wurde, nachdem er, wie es heißt, „unachtsam“ die Straße überquerte. Zeugen sagten aus, er sei mit erhobenen Händen gestorben, den Satz „Nicht schießen“ auf den Lippen.

In der ersten Nacht, als Mike Brown erschossen wurde, stellte ein Freund über Twitter die Frage, ob es dieses Ereignis wohl jemals bis zu den nationalen Nachrichtenkanälen machen würde. Es würde es sich verdienen, da die multiplen und signifikanten Krisen des Landes am Beispiel Ferguson evident würden: der Verlust von Arbeitsplätzen, der diese Communities am stärksten trifft, die Militarisierung der Polizei; Themen der Rasse; der chronischen und generationenübergreifenden Armut.

All diese Faktoren machen es für gewöhnlich wenig wahrscheinlich, dass über Ereignisse wie diese in den lokalen Nachrichten berichtet wird, mit einer Ausnahme: als Problem. Orte die es zu ignorieren gilt. Zu vermeiden.

„Wir“ hören nur die offiziellen Statements, die sie als Plünderer, Verbrecher, Randalierer porträtieren, in denen die lokalen Spezifikationen und reglementierenden Faktoren jedoch vernachlässigt werden.
Ja, über Ferguson würde berichtet werden, wurde von einem anderen Freund getweeted.
Da… Here you go: Twitter.

Die Zeit, als solche Orte und solche Zwischenfälle in Schweigen versanken, scheint mittlerweile eine ganze Welt weit weg zu liegen, wenn auch, natürlich, die BürgerInnen selbst genauestens über ihre eigene Notlage Bescheid wussten. Heutzutage jedoch erwarten wir Dokumentationen; wir erwarten Live-Feeds, Streaming Videos und real-time Tweets.

Ich begann, die Interaktion online zu beobachten. Der virtuelle Aufschrei erreichte nun auch jene Leute, die den Ereignissen vielleicht nicht vom ersten Tag an gefolgt waren. Und zwar in exakt dem Augenblick, als die Polizei mit Hunden bei der ersten Mahnwache für diesen jungen Mann auftauchte. Als Nacht für Nacht mehr Berichte über Tränengas eintrafen, als sich immer mehr Journalisten in der Gegend einfanden, ebenso, wie immer mehr ZivilistInnen, die ihre Kameras einsetzten, vorsätzlich. Mehr und mehr begannen darüber zu sprechen.

Gestern: Es wurden Journalisten des Platzes verwiesen, angegriffen und verhaftet – ohne weitere Formalitäten – während sie bei MCDonalds ihre Mobiltelefone aufladen – aufgenommen auf Video. Die Polizei positionierte Scharfschützen mit gezogener Waffe (ich könnte nicht sagen, welche Art) auf gepanzerten, Anti-Minen Fahrzeugen, die auf die Protestierenden zielten. Und dies, im Angesicht der nationalen Medien, bei hellem Tageslicht und mehrfach abgelichtet aus verschiedensten Blickwinkeln.

All dies entwickelte sich in Echtzeit und auch in meinem Social Media Feed, der schnell durch das Thema dominiert wurde. Und ja: Es ist eine Funktion der ich folgte – jedoch folge ich ihr quer durch das politische Spektrum, gewollt und global. ÄgypterInnen und TürkInnen tweeteten Ratschläge zu Tränengas. Lokale JournalistInnen übertrugen live in den Nachrichten. Und, da waren auch Leute der Linken und der Rechten, die ihren Unmut äußerten.

Ich berichte, schreibe und spreche oft über Proteste, politik-übergreifend und in verschiedenen Ländern. Dieses Thema war also nichts Neues für mich. Ich sah jedoch viele Leute darüber sprechen, von denen ich weiß, dass sie nicht notwendigerweise diesen Tag-für-Tag-Berichten folgen (und ich verurteile das nicht – nicht jede/r kann und muss jedem Thema folgen).

Und das ist, was mit „#Ferguson“ auf Twitter geschah.

Ich wechselte zum nicht netzneutralen Internet, um zu sehen, was hier geschah. Ich muss dazu erwähnen, ich habe eine ähnliche Konstellation von Freunden bei Facebook wie bei Twitter.

Nada? Zip? Nada?

Kein Ferguson auf Facebook, nicht letzte Nacht. Ich scrollte, ich rief den News-Feed neu auf. Ich war jedoch nicht die Einzige, der das auffiel. Andere bemerkten es ebenfalls:

https://twitter.com/gmarkham/status/499754170094981120

Heute morgen jedoch ist auch mein Facebook-Feed dominiert von Diskussionen zu Ferguson. Viele der Posts scheinen bereits letzte Nacht geschrieben worden zu sein. Aber ich konnte sie nicht sehen. „Edgerank“ oder wie auch immer Facebook’s Filter-Algorithmus genannt wird, schien sie quasi erst „über Nacht“ auftauchen zu lassen, vermutlich, als mehr und mehr Leute sich mit dem Thema auseinandersetzten.

Ich frage mich: Was, wenn Ferguson begonnen hätte thematisch Wellen zu schlagen, aber da wäre kein Twitter, um es primär, auf nationaler Ebene abzubilden? Hätte es „Ferguson“ jemals durch den Facebook-Algorithmus geschafft? Vielleicht. Ohne Entscheidungstransparenz jedoch, kann ich nicht sicher sein. Wäre Ferguson dem algorithmischen Zensor zum Opfer gefallen?

Hätte wir die Chance gehabt, diese Bilder zu sehen?

https://twitter.com/LailaLalami/status/499751448545329152/photo/1

Es geht hier nicht um Facebook per se – vielleicht funktioniert es gut, vielleicht auch nicht – aber es geht um das Faktum des algorithmischen Filterns, das als eine von mehreren Ebenen kontrolliert, was über das Internet sichtbar wird. Netz-Neutraltität (oder, der Mangel daran) ist eine weitere determinierende Ebene. Zusätzlich zu bereits existierenden Unausgewogenheiten in der Wahrnehmung, der Reichweite und Kontrolle.

Twitter wurde ebenfalls durch algorithmische Filter determiniert. „#Ferguson“ dominierte Twitter – nicht in den Vereinigten Staaten, aber lokal. [Ich habe von @gilgul erfahren, dass es „kurzfristig“ dominierte, jedoch meist lokal] Das heißt, wenig Chancen für diejenigen, die nicht ohnehin den Nachrichten folgten, es in ihrer „Trending“ Kategorie zu sehen. Warum? Ziemlich sicher, weil es bereits für einige Tage und national eine latente Diskussion gab und Twitter’s „Trending Algorithmus“ (ein Algorithmus basierend auf Methoden namens „term frequency inverse document frequency“) solch eine Steigung belohnt... Als also Menschen Ferguson zu erwähnen begannen an Orten, wo nicht ohnehin schon darüber gesprochen wurde, begann es plötzlich zu „trenden“, obwohl die nationalen Statistiken der letzten fünf Tage Ferguson abstraften.

Algorithmen haben Konsequenzen.

Massenmedien erstatten typischerweise keinen Bericht über die chronischen Probleme der unterprivilegierten Bevölkerung, und die verarmte schwarze Bevölkerung der Städte sind hier die Hauptleidtragenden. Aber sie sind nicht alleine darin. Die ländliche weiße Bevölkerung ebenso, sie werden jenseits der gelegentlich auftauchenden „Überall-Meth-Labor“ Geschichte größtenteils ignoriert. Gestern allerdings versuchten es mehrere über mehrere Kanäle, die Polizei allerdings ließ sie nicht. Chris Hayes meinte, die Polizei verwies Satteliten-Fahrzeuge der Gegend sodass niemand live Bericht erstatten konnte. Nicht nur Journalisten der Washington Post wurden verhaftet – auch Zivilpersonen wurden zur Zielscheibe. Im lückenhaften Live-Feed der frequenziell im Tränengas erstickenden und hustenden zivilen BerichterstatterInnen konnte man die Anweisung hören, sie sollten ihre „Kameras abschalten.“

Zukünftig, vielleicht, müssen JournalistInnen auch nicht mehr verhaftet und Kameras nicht mehr genötigt werden, den Schauplatz zu verlassen. In Kalifornien spekuliert die Gesetzgebung über „Kill Switches“ – Notausschalter in Mobiltelefonen – eine Funktion, für die ich mir bei besten Willen keinen guten Einsatzbereich in den Vereinigten Staaten vorstellen kann.

Die zivilen BerichterstatterInnen berichteten weiter, hustend vom Tränengas; auch einige der traditionellen Medien starteten Live-Berichterstattungen aus der Region und heute ist Ferguson auf den Titelblättern der Zeitungen.

Vielleicht, nur vielleicht, ist eine nationale Konversation über diese außerhalb der Communities lange ignorierten Themen nun möglich. Aber das ist nicht alles: Es mag ein erster Schritt sein, es kann genau so überhört werden.

Aber zumindest sind wir nun an diesem Punkt.

Ich bin nicht sicher, ob wir diese Konversation hätten, ohne die neutrale Seite des Internet, die Livestreams, deren „Pakete“ ebenso schnell waren wie die der kommerziellen, unternehmensbezogenen und finanzierten MeinungsmacherInnen, deren Aussagen über unsere Netzwerke transportiert werden, oder Twitter-Feeds die nicht determiniert werden durch einen intransparenten Algorithmus, sondern durch meine eigene Auswahl und Entscheidungen.

Ich hoffe, dass in den kommenden Tagen vieles über Rasse in Amerika, über die Militarisierung der Polizei und über den Mangel an existenzerhaltender Arbeit in großen geografischen Gebieten des Landes geschrieben wird.

Man muss sich jedoch weiterhin der Tatsache erinnern, dass Ferguson auch eine Frage der Netz-Neutralität ist. Es ist eine Frage des algorithmischen Filterns. Wie das Internet bestimmt, verwaltet und gefiltert wird, ist eine Frage der Menschenrechte.

Jenseits einer Menge trister Entwicklungen, ist dieser Kampf noch lange nicht vorbei, sein größter Feind jedoch ist der Zynismus und die Abwertung der Realität.

Lass dir von Niemandem etwas anderes erzählen. Was mit #Ferguson passiert, beeinflusst, was mit Ferguson passiert.

Dieser Artikel wurde von Tüfekçi publiziert am 14. August 2014 bei Medium.com

Aus dem Englischen von Mira Turba



Kurzbiographie:

Zeynep Tüfekçi ist Assistenzprofessorin an der Universität North Carolina. Cahpel Hill, an der School of Information and Library Science (SILS) sowie an der Fakultät für Soziologie. In ihrer Forschungsarbeit konzentriert sie sich auf die Interaktionen von technologischen und sozialen, kulturellen und politischen Dynamiken.





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