english version
grafisches Element

STRUKTUREN DER RADIKALITÄT

AUSTELLUNGSDAUER: 10. Dezember - 11. Jänner 2009


PROJEKTKURATOR:WALTER SEIDL »

Teilnehmende KünstlerInnen:

Sabine Bittner und Helmut Weber
Petra Gerschner
Marina Gržinic & Aina Šmid
Andrea Ressi

Buchpräsentation: 9 Dezember, 19.30

Mit Marina Gržinić, Gülsen Bal & Walter Seidl
New-Media Technology, Science, and Politics. The Video Art of Marina Gržinić & Aina Šmid, Löcker (Wien, 2008)

Konzert: 9 Dezember, 20.30

Jacques et les Fatalistes
Stefan Geissler (Zieh- und Mundharmonika, Kazoo, Vocals)
Jakob Ortis (Gitarre, Kazoo, Vocals)


Das Projekt Structures of Radicality (Strukturen der Radikalität) stellt Modelle der Bedingungen zeitgenössischen Kunstschaffens inmitten eines marktorientierten Produktionssystems zur Diskussion: Möglichkeit(en), gegenwärtig noch progressiv bzw. radikal Position beziehen zu können. In den letzten Jahren schien es als ob sich jene Kunstproduktion, welche sich primär an Markt und eigenem Marktwert orientiert, von jener, die eine kritische Position einfordert und in Nischen jenseits der dominanten Kunst & Kultur-Institutionen rückt, immer mehr unterscheidet. Das Ausstellungskonzept konzentriert sich auf Werke, die hegemoniale Strukturen hinterfragen, und verweist auf die Notwendigkeit einer ästhetischen und politischen Perspektive und Haltung, die ausserhalb jeglicher Massentauglichkeit operiert.

Welches sind die regulativen Standards einer neoliberalen Politik, die dem Individuum abverlangt, dass es sich in einer Welt bewegt, die dem Diktat ökonomischer Ausbeutung folgt? Warum bedarf es jedes Jahr einer Steigerung der Umsätze großer Unternehmen um die Kluft zwischen den Superreichen und den Armen kontinuierlich zu steigern? Welche Benefits bieten Steuerparadiese wie etwa Jersey, durch dessen Finanzdienstleistungen Billionen von Dollar verwaltet werden, deren Besteuerung in den einzelnen Ländern eine bessere Infrastruktur sowie Benefits für gesellschaftlich weniger mächtige Gruppen von Leuten bringen würden? Die jüngste Finanzkrise zeigt, wie spielerisches Verhalten auf hohem Niveau die Weltwirtschaft wie ein Dominoeffekt in eine Abwärtsspirale drängt. An dieser Stelle befinden sich KünstlerInnen umso mehr auf der Suche nach Alternativen gegenüber den dominanten, politisch und wirtschaftlich einschränkenden Kräften.

Können überhaupt noch Lösungen für die auftauchenden Probleme gefunden werden? Die Arbeiten der Ausstellung setzen sich mit Themen von Zwangsmigration, urbanen Veränderungen aufgrund der wirtschaftlichen Deregulierung und der medialen Wahrnehmung von vermeintlich normativen gesellschaftlichen Auswirkungen auseinander. Mit den Medien Fotografie, Video und Malerei werden gegenwärtige Diskurse von Macht analysiert und der Frage nachgegangen, wie Anti-Strategien und radikale Interventionen in das dominante kapitalistische System möglich gemacht werden können.

Im Verweis auf die Mechanismen global bedingter Ein- und Ausschlussverfahren hinterfragen die Arbeiten die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit des Überdenkens von Modellen sozialer Performanz und den notwendigen Schritten für politische Interventionen.


Sabine Bitter & Helmut Weber

Sabine Bitter & Helmut Weber Link

WE DECLARE: SPACES OF HOUSING, 2008

Wandtapete, Posters, Video

In der Konfrontation mit Architektur als Träger der Signifikanz einer Region stellen die Arbeiten Bitter/Webers eine Schnittstelle zwischen Architektur, Medientechnologie und Repräsentaionssystemen her. Bitter/Webers Fotografien und Videoarbeiten kreieren ein Feld der Auseinandersetzung mit urbanem Raum als sozialem Feld, als politischen Diskurs. Im selben Moment wird die gegenwärtige Tendenz einer Image-Politik diskutiert, die als Cluster visueller Praktiken agiert - als Instrument zur Organisation von Öffentlichkeit, als Instrument der Konstruktion ihres Spiel- und Aktionsraums und dessen Chroniken.

Die in Vancouver und Wien arbeitenden KünstlerInnen Sabine Bitter und Helmut Weber präsentieren We Declare: Spaces of Housing, ein Projekt, das sich mit jenen Orten und Institutionen auseinandersetzt, in denen Entschlüsse und Deklarationen über den Zugang zu Wohnmöglichkeiten gefällt werden (von lokalen Gemeinschaften, Bezirks- und Landeshauptstädten bis zu der UN). Dieses ortspezifische Projekt transferiert jene Räume von symbolischer und realer Macht mittels einer großen, fotografisch ausgerichteten Wandtapete in den Ausstellungsraum.

Durch Veränderung der Proportionen dieser Räume werden sie in einen neuen Zusammenhang gestellt. We Declare verweist auf die Differenz zwischen dem was Henri Lefebvre die Repräsentation von Orten und Orte der Repräsentation nannte.

Am Beginn dieses Projektes steht die aktuelle Krise um die Verteilung von Wohnmöglichkeiten in Vancouver (die an die Krise, die mit den kommenden olympischen Spielen verbunden sein wird, anknüpft). Andererseits stellt sich die Frage nach dem Potential einer sozial geprägten künstlerischen Praxis in einer Stadt, die sowohl „kulturalisiert“ als auch „globalisiert“ ist. We Declare nähert sich diesen Themenfeldern mit dem Verständnis an, dass die Situation in Vancouver spezifisch für die Art und Weise ist, wie sich diese Krise im Laufe der Jahre entwickelt hat und Teil einer globalen Bewegung wurde, die Besitzrechte über das Recht eines soliden Wohnens stellt.


Petra Gerschner

Petra Gerschner Link

COME TOGETHER, 1984/97, Fotografie & Leuchtkasten

PROBLEM ODER LÖSUNG?, 2005-08, Video

In ihren fotografischen Projekten, Installationen und Videoarbeiten untersucht Petra Gerschner die Konstruktionen geschlechtsspezifischer, kulturalistischer und rassistischer Zuschreibungen sowie Machtverhältnisse, die sozialen Ein- und Ausschluss generieren. Mit performativen Interventionen versucht die Künstlerin Perspektiven subversiven, kollektiven Handelns zu entwickeln und fragt nach der Potenzialität künstlerischer Strategien und Formen der Einmischung in aktuelle gesellschaftliche Prozesse.

Die Foto- und Videoarbeiten aus dem Zyklus Come Together (History is a Work in Process) und Problem oder Lösung? thematisieren, wie die zunehmende Medialisierung von Politik und die Omnipräsenz der Werbung unsere Vorstellung von der Wirklichkeit formen. Auf vorhandene Bildkonstruktionen antwortet Gerschner mit eigenen Inszenierungen. Sie macht dadurch die Methoden und Strategien von Systemen sichtbar und lässt neue Bedeutungs- und Wirklichkeitsebenen entstehen.

In den jeweiligen Folgen ihres doku-fiktionalen Videomagazins Problem oder Lösung?, das gesellschaftspolitische Fragestellungen in jeweils fünfminütigen Beiträgen thematisiert, befasst sich Gerschner mit der Funktion des aktuellen Sicherheitsdiskurses und der Debatte über die Anwendung von Folter als Mittel der Politik. Es gibt auf der Welt keinen Friedenszustand mehr, der ohne Krieg auskommt: Krieg heißt Folter, Zivilisation durch Folter, Foltern für den Frieden. Welche Strategien können die herrschende Logik von Krieg, Folter und Zerstörung durchbrechen?

Der Leuchtkasten mit der Aufschrift Come Together vermittelt das Gemeinschaftsgefühl von Demonstrationen, die sich gegen politische Missstände richten. Durch die Verwendung eines Leuchtkastens und eines Slogans, den die Zigarettenmarke Stuyvesant einst postulierte, greift Gerschner auf Mittel der Werbung zurück, die in diesem Fall jedoch als subversive und anti hegemoniale Strategie verstanden werden muss.


Marina Gržinic & Aina Šmid

Marina Gržinic & Aina Šmid Link

HI-RES, 2006

Video

Die Videoarbeiten von Marina Gržinic und Aina Šmid liefern eine Synthese der Arbeit mit einem Medium, das die Grenzen der objektiven Realität potentiell transzendiert. Diese Transzendierung des Konstrukts, der Fiktion, wird möglich durch die Matrix kultureller, sozialer und politischer Praktiken.

Ihre Arbeiten ermitteln den Status dominanter Ideologien, der eklektischen Mischung postmoderinstischen und postsozialistischen Denkens. Wege aus dem Dilemma der historischen Konditionierungen werden sichtbar in der Balance aus philisophischen Fragen und visuellen Fragmenten.

Das Video basiert auf der Tanzperformance HI-RES von Maja Delak and Mala Kline und beruht auf Grzinics/Smids kommentatorischem Ansatz, bei dem SchauspielerInnen und ErzählerInnen aus dem Off die Handlung mit Kommentaren auf Basis philosophischer Grundlagen ergänzen. Die Farbe rot wird zu einem dominierenden Element nicht nur in der Kleidung der Tänzerinnen sondern auch der Musiker Stefan Geissler/Jakob Ortis, die gegen Ende des Videos eine französischsprachige Coverversion der britischen Punkband Sex Pistols über Anarchie zum Besten geben.

Das zentrale Thema, um das sich die Handlung dreht, ist die Verbindung zwischen Kunst und Leben. Am Anfang des Videos wird vor allem die Verhältnismäßigkeit zwischen Leben und Tanz diskutiert. Ähnlich wird das Verhältnis zwischen Kunst und Leben verhandelt und wie diese beiden Entitäten einander beeinflussen. Wie kann Kunst Politik beeinflussen und Politik Kunst? Diese Frage wird von einem der beiden Musiker im zweiten Teil des Videos sinngemäß mit folgendem Satz beantwortet: „Wir brauchen keine Ghettoisierung der Kunst sondern eine gegenseitige Durchdringung von Kunst und Politik“. Das Grundproblem, das aus dieser Konstellation resultiert ist die Existenz des Kunstmarktes, ein mittlerweile unabdingbares Phänomen.


Andrea Ressi

Andrea Ressi Link

HYBRID URBANITIES, 2006-08

Acryl auf MDF-Platten, je 60 x 90 cm

Mit dem Medium der Malerei nähert sich Andrea Ressi der Thematik von urbanen Veränderungsprozessen, die sich im Zuge globaler Assimilierungsversuche manifestieren. Die Künstlerin hinterfragt dabei das Potenzial von Architektur und Stadtplanung, Gegenmodelle bzw. –orte zu entwickeln, die sich dem Prozess der gesellschaftlichen und politischen Normierung entziehen. Dabei arbeitet Ressi mit der Semiotik der Werbung, die sie in ihre Malerei überträgt um gegenwärtige Formen der Medialität, wie etwa die Ästhetik der Billboards, aufzugreifen, jedoch deren Oberfläche zu durchbrechen und dabei die Bedeutungsebenen gegenwärtigen visuellen Denkens zu ergründen.

Hybrid Urbanities - Fragments of the Global City analysiert urbane Entwicklungen und Strukturen in den globalen Städten von heute. Im Zentrum des Interesses stehen die Widersprüche und Begegnungen mit und innerhalb der neu etablierten Erste Welt Strukturen in der Dritten Welt. Das Aufeinanderprallen solcher ökonomischen Prozesse mit traditionellen Strukturen und Lebensvorstellungen kann in den Konflikten zwischen multinationalen Unternehmen und der lokalen Wirtschaft/den grauen Marktzonen, bewachten Siedlungen und traditionellen Wohnbereichen/Slums, Copyright und Recycling Kulturen, Shopping Malls, oder traditionellen Basars beobachtet werden.

Die Auswahl an Bildern aus der instabilen Grenzzone zwischen Globalisierung und lokalen Traditionen führt zu einer alternativen Repräsentanz globaler Urbanität als fragmentierter Ort voller Widersprüche. Diese Idee wird durch die Textfragmente in der Malerei verdichtet und konkretisiert. Die Texte und Bilder werden sehr reduziert präsentiert und kennzeichnen die Sprache global verwendeter Piktogramme bzw. urbaner Zeichen. Das Arrangement der einzelnen Bildteile ist flexibel und korrespondiert mit den sich ständig verändernden und in Bewegung befindlichen Städten, die unterschiedliche Einblicke in globale Stadtstrukturen bieten und verschiedenen Kontexten und Situationen neue Bedeutung verleihen.


Unterstützt von:

BM:UKK
Stadt Wien - Kulturabteilung MA 7




grafisches Element