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(IM)MIGRANTS WITH(IN)

AUSTELLUNGSDAUER: 22. März - 11. April 2009

ERÖFFNUNG: 21. März 2009, 19.00-21.30 UHR

PROJEKTKURATORIN:NADA PRLJA »

Teilnehmende KünstlerInnen:

Libia Castro & Ólafur Ólafsson
Minouk Lim
Tanja Ostojić & David Rych
Khaled D. Ramadan

Gespräch/Diskussion: 21. März, 17.00 - 18.30
Mit Tanja Ostojić, Khaled Ramadan, Gülsen Bal und Walter Seidl

Mit einer Einführung von Nada Prlja


Aufgrund der aktuellen weltweiten Krise durchleben wir heute dramatische Veränderungen, in welchen sich herkömmliche Vorstellungen von "Staat" und existierender Staatsmacht wandeln und zu einer neuerlichen Verlagerung sozialer, ökonomischer und staatlicher Prioritäten führen. Die mächtigsten (oder auch kapitalistischsten) Länder stehen vor einem wirtschaftlichen Niedergang auf Grund einer allgemeinen Panik vor individuellen Verlusten: Verlust von Eigentum, Arbeitsplatz, Stabilität, usw. Die ersten Menschen, die als Folge dieser Krise 'hinweggeschwemmt' werden, sind auch jene, die “ob ökonomisch, ethnisch oder religiös “ bereits an den Rand gedrängt waren. Es sind Menschen, die von dem System, in dem sie leben, in bestimmter Weise entfremdet sind. Die Inakzeptanz, der (Im)MigrantInnen in der Gesellschaft gegenüberstehen, führt zu sozialer Isolation beziehungsweise dazu, dass sie als marginalisierte Gruppe von Individuen unsichtbar werden.

Eine auffallend starke Reaktion auf diese Situation zeigt sich im künstlerischen Produktionsfeld, insbesondere in den sozial und politisch engagierten Praxen der letzten Jahre, in Form einer Beschützerhaltung gegenüber entfremdeten oder auf andere Weise dislozierten Gruppen von Einzelpersonen in der Gesellschaft. Man könnte die Frage stellen: Was ist der Auslöser für diese Reaktion von Seiten der Kunst? Sind es eine Reihe nationalstaatlicher Gesetzgebungen aus der jüngerer Zeit? Oder reagieren die KünstlerInnen auf die ungeschriebenen/rechtsfreien Regeln, durch die diese Gruppe "staatenloser Subjekte" tagtäglich verfolgt und erniedrigt wird?

In seinem Buch "Ausnahmezustand" weist Giorgio Agamben darauf hin, dass der Ausnahmezustand keineswegs eine ausdrückliche Rechtsform ist; eher ist er eine Suspendierung der juridischen Ordnung an sich und definiert das Konzept des Grenzbereichs beziehungsweise der Begrenzung des Rechts.1 Diese Ausstellung, die den Titel innere (im)migranten trägt, verwendet diese Vorstellung eines "Grenzbereichs des Rechts", um eine "Geisterstadt" beziehungsweise ein "schwarzes Loch" zu beschreiben, in dem Recht und Gesetzgebung frei interpretiert werden, um Gruppen von aus der Gesellschaft ausgegrenzter Menschen zu unterminieren, zu entwerten, zu isolieren und zu entfremden.

Die Ausstellung will dieser Gruppe von "unsichtbaren Menschen" eine (bisweilen sogar singende / schreiende) Stimme geben, in dem sie Beispiele künstlerischer Erwiderungen auf diese in der heutigen Gesellschaft gängige Situation versammelt, die durch den zuvor angesprochenen "Grenzbereich des Rechts" definiert ist.
Alle Arbeiten, die im Open Space gezeigt werden, sind Kunstvideos, die die Aufmerksamkeit auf zwei unterschiedliche künstlerische Zugänge lenken: erstens die Dokumentation, in der die Lebensgeschichten der "Fremden" aus der Position der Ich-Erzählung geschildert werden (Ostojić/Rych, Ramadan); und zweitens die Methodik der Schaffung unabhängiger Szenarios, die von KünstlerInnen für die Wiederaneignung von Tatsachen und von Dokumenten benutzt wird (Castro/Ölafsson, Lim). Diese zwei unterschiedlichen Ausdrucksweisen des Mediums Video führen dazu, dass die Ausstellung eine Untersuchung des Mediums Video vornimmt. Mit anderen Worten, es führt zu einem Test der Bedeutung der Repräsentation von Wirklichkeit innerhalb des Ausstellens, in dem sie hinterfragt, bis zu welchem Grad dokumentarische Praktiken zusätzliche Szenarien und individuelle Interpretationen der Wirklichkeit aktivieren können/sollen.

Dieser und andere damit verbundene Aspekte der Recherche werden in einer Diskussion erörtert, die um 17 Uhr im Open Space stattfindet. Im Anschluss wird die Ausstellung eröffnet.


Libia Castro & Ólafur Ólafsson

Libia Castro & Ólafur Ólafsson Link

Pflegerinnen, 2008

Video

Castro und Ólafsson verquicken ihr Interesse an Avantgarde-Videographie/Filmographie und dokumentarischer Praxis in der Videoarbeit Pflegerinnen. Die ZuseherIn wird mit der unerwarteten Gegenüberstellung von Musik, Journalismus und bildender Kunst konfrontiert. Dadurch wird die ihr eigene Vertrautheit mit diesen drei kreativen Genres auf eine Probe gestellt. Das Video porträtiert die Beziehungen zwischen vier Frauen – osteuropäische Pflegerinnen und ihre bejahrten Klientinnen aus der Gegend von Rovereto – die während ihrer alltagtäglichen Verrichtungen gezeigt werden. Der Geschichte, die das Videos erzählt, bezieht sich auf einen Zeitungsartikel, den die Künstler entdeckten, und der sich auf das seit kurzem auftretende Phänomen der Einwanderung osteuropäischer Pflegerinnen nach Italien bezieht. Dieser Artikel wird für Karólína Eiríksdóttir zur Matrix ihrer der zeitgenössischen Neuen Musik zugehörigen Kantaten-Komposition.

„Dort“, wo sich kreativer Ausdruck und Realität treffen, zeigt und kommentiert diese Videoarbeit die komplexe Situation der gegenseitigen Abhängigkeit im Netzwerk des europäischen Pflegesystems. Beide Seiten dieses unvereinbaren Arbeitsverhältnisses – die Pflegerinnen und die Pflegeempfängerinnen (mit ihren Familien) – sind in einer Position gefangen, in der sie, um die Bedürfnisse zu befriedigen, auf die sie nicht verzichten können, das sozio-ökonomisch/politische System manipulieren beziehungsweise durch dieses manipuliert werden. Durch diese spezifische Situation werden die Auswirkungen nationaler Gesetzgebung veranschaulicht und damit auch die Unzulänglichkeit des Systems, geeignete Lösungen für diese beiden von einander abhängigen Gruppen anzubieten – wodurch der „Grenzbereich des Rechts“ in direkter Weise angesprochen wird.


Minouk Lim

Minouk Lim Link

New Town Ghost, 2005

Video

In der Videoarbeit New Town Ghost nimmt Lim eine aktive Rolle gegen die Absurditäten und Probleme ein, die sich einer gedankenloser Entwicklung und kommerziell betriebener Landschaften in unserer Gesellschaft verdanken. Das Video folgt einer jungen Slammerin und einem Schlagzeuger, die durch die belebten und überfüllten Strassen Yeongdeungpos mit einem offenen LKW reisen, auf dem sie auch auftreten. Durch ein Megaphon trägt die Slammerin einen von der Künstlerin geschriebenen Text, ein Gedicht, vor. Das Gedicht ist ein Kommentar auf das neue lokale Einkaufszentrum mit Wohnanlage, aber auch auf die neue Wissensgesellschaft. Diese mutige Performance-Aktion will, beziehungsweise hofft, eine Reaktion der lokalen Bevölkerung (zu) provozieren, die diesen „Grenzbereich des Rechts“ bereits seit Jahren bewohnen.

Im Gegensatz zu Castros und Ólafssons Video Caregivers treffen wir in Lims New Town Ghost auf keine „staatenlosen Subjekte“. Wir treffen auf Bürger, die aber auf ähnliche Weise gezwungen sind, in ihrer Stadt oder ihrem Land zu migrieren, und zwar auf Grund ökonomischer Ungerechtigkeiten, die sich in der sich entwickelnden Gesellschaft verstärken. Das Bemerkenswerte an diesem Video ist, dass es mit dem Stigma bricht, dass eine Viktimisierung nur in transnationalen Gemeinschaften passiert. Vielleicht noch bemerkenswerter ist jedoch, dass dieses Video eine direkte Reaktion auf bestimmte Veränderungen darstellt, wie Gesellschaft funktioniert. Und zwar als Versuch, die Wahrnehmung und das Bewusstsein der ZuseherInnen bezüglich der Kodes des Lebens um sie herum zu verändern und zu beeinflussen.


Tanja Ostojić & David Rych

Tanja Ostojić & David Rych Link

Sans Papiers – illegalisierte Menschen, 2004

Video

Das Video Sans Papiers porträtiert eine der Hauptabschiebehaftanstalten Deutschlands (Berlin-Köpenick) und macht die BetrachterInnen mit der schockierende Realität, den Bedingungen und der Behandlung vertraut, die illegale Bürger erhalten, wenn sie zwischen Gesetz und bürokratisches System geraten.

In ihrer Dokumentation beschreiben Ostojić/Rych die schockierende Lage unerwünschter Fremder und veranschaulichen damit das Konzept des „Grenzbereichs des Rechts“ in direkter Weise, wie es Tanja Ostojić ausdrückt:

Die nationalen Regierungen in der EU versuchen alles, um so wenig Asyl wie möglich zu gewähren. Flüchtlinge werden deportiert und außer Landes geschafft. Sie werden hinter die EU-Grenzen abgeschoben, wo sie völlig auf sich allein gestellt sind. ...

Nach ihrer Entlassung steht die absolute Mehrheit ohne Mittel und Arbeitsgenehmigung da. Um Schulden zu begleichen, bleibt ihnen nur der Arbeitsschwarzmarkt, wo sie ins Visier einer strikterer Polizeitaktik geraten. Ja, sie werden von den deutschen Behörden für eine Weile geduldet, aber die Gelegenheit, aus Angst oder Wut, zu einem saisonalen Ausfegen kommt – als wäre es ein Frühlingsputzen der eigenen Haftanstalten – und als Illegalisierte finden sich die Asylsuchenden erneut in Haft.


Khaled D. Ramadan

Khaled D. Ramadan Link

A Look Back, 2008

Video

Wenn man die fremden Gesichter im Video A Look Back betrachtet, die den Ausbruch des 33-tägigen Konflikts zwischen dem Libanon und Israel im Jahre 2006 direkt erleben, fühlt man instinktiv Mitgefühl für diese unschuldigen Zeugen, die eine derartige Erfahrung machen. Bei einem zweitem Betrachten stellt sich jedoch die Frage: Wer sind diese Menschen? Ramadan gibt die Antwort: „Alle Menschen im Video sind Libanesen, die in der Diaspora leben ... Mehrere tausend westliche Passinhaber mit libanesischer Herkunft, die von ihren Ländern aus dem Libanon evakuiert wurden...“

In einem seiner Texte weist Ramadan darauf hin, dass „Identität in der körperlosen Welt der virtuellen Gemeinschaften auch mehrdeutig ist...“. Mit Bezug auf das Schicksal dieser Gruppe von Menschen, die das Video A Look Back „bewohnen“, könnte man also fragen: Diese Individuen sind libanesischer Herkunft, haben westliche Pässe, was ihnen erlaubt, sich frei zu bewegen, was die Möglichkeit zur Flucht aus der Kriegsituation impliziert ... Ist die nationale Identität dieser Menschen also mehrdeutig? Können wir die Menschen aus diesem Video immer noch als Teil einer Gruppe „marginalisierter“ Individuen definieren, und sie im „Grenzbereich des Rechts“ „platzieren“?

Meiner Ansicht nach sind diese Menschen Opfer ihrer eigenen „mehrdeutigen Identität“, jener Identität, mit der die Meisten von uns – als Transnationale, oder als Staatsbürger mit doppelter beziehungsweise gar dreifacher Nationalität/Staatsangehörigkeit – leben. Diese Form der Identität schenkt uns eine Freiheit, sie nimmt aber auch die Möglichkeit zu einer Zugehörigkeit, was wiederum eine Einschränkung darstellt.


Unterstützt von:

BM:UKK
Stadt Wien - Kulturabteilung MA 7
ERSTE Stiftung




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