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grafisches Element

Beutezüge. Systeme des Eigennutzes – Mechanismen der Plünderung

AUSTELLUNGSDAUER: 9. März - 7. April 2011

ERÖFFNUNG: 8. März 2012, 19.00-21.30 UHR

PROJEKTKURATORIN:Sabine Winkler »


Teilnehmende KünstlerInnen:

Lara Baladi
Jan Peter Hammer
Lina Khatib
Maryam Jafri
Candida TV/D Media
Joanne Richardson & David Rych


In den letzten Jahren hat sich in der Dramatik der Ereignisse immer mehr ein Motiv heraus kristallisiert, das sowohl der Finanzkrise als auch den Ereignissen in der arabischen Welt zugrunde liegt: Ausbeutung und Systeme des Eigennutzes sind Mechanismen der Plünderung, die als Neoliberalismus im demokratischen Gewand oder nackt als autoritäre Systeme daher kommen. Die Möglichkeiten der Ausbeutung sind grenzenlos. Realitätsverlust kennzeichnet die Akteure beider Systeme. Die Beute-Mechanismen des Finanzsystems sind in ihrer Abstraktheit schwer nachzuvollziehen, im Gegensatz zu Ausbeutungssystemen in totalitär regierten Ländern, in denen Ausbeutung das alltägliche Leben und speziell den Überlebenskampf der Bevölkerung bestimmt. Politische, ökonomische und rechtliche Bedingungen für unregulierte Beutezüge werden installiert, um Methoden des Eigennutzes zu systematisieren und elitäre Machtsysteme zu verfestigen.

Was ist nun aber der Unterschied? Dass sich die westliche Welt noch nicht zur Wehr gesetzt hat und den skrupellosen Methoden der Finanzmärkte immer noch völlig hilflos gegenübersteht? Die Rettung der Banken und Großkonzerne geht zu Lasten der Bevölkerung, die über Jahrzehnte hinweg die Spielschulden der Banken auf Kosten sozialer und kultureller Systeme bezahlen werden. Durch Ausbeutung wird eine Eliminierung des Sozialstaates betrieben: Finanzielle Mittel, die für die Allgemeinheit bestimmt sind, werden hin zu Banken und Großkonzernen verschoben. Diebstahl an der Allmende, steuerliche Begünstigungen der Reichen und Methoden des Eigennutzes, die als Wettbewerbskompetenz verkauft werden, definieren nicht mehr nur öffentliche Bereiche, sondern betreffen längst auch Zonen des Privaten. Die Plünderer auf den Finanzmärkten wissen sich nach wie vor durch immer noch unregulierte Finanzmärkte und Lobbyistenverbände sicher und geschützt. Korruption hat eine lange Tradition und wird immer mehr als selbstverständliche Methode der Bereicherung gesehen, weil sie zunehmend als eine von vielen Taktiken, die zu ökonomischem Erfolg führt, vorgelebt und als gesellschaftlich legalisiert, wahrgenommen wird. Plünderung wird zum Rollenmodell.

In den arabischen Revolutionsländern bereicherten sich die Autokraten durch öffentliche und staatlich institutionalisierte Methoden der Plünderung und etablierten Systeme der Korruption, die alle Gesellschaftsschichten durchzogen. Autoritäre und hierarchische Systeme, die in Clans, feudalen oder mafiösen Gruppierungen eigennützig agierten, ohne die realen Lebensbedürfnisse der Bevölkerung zu beachten, schufen Alltagsdesaster und Perspektivelosigkeit, speziell für die junge Bevölkerung. Die Figur der staatlichen Überväter hat ausgedient, patriarchale Systeme der Kontrollausübung wurden vom Wunsch der Selbstbestimmung und des Mitspracherechts zurückgedrängt. Die Plünderer in diktatorisch regierten Ländern verlieren gerade ihre Sicherheit, Ausgang ungewiss, neue politische Ordnungen müssen erst organisiert werden. Besonders fatal ist es, wenn sich die Territorialansprüche der unterschiedlichen Plünderungssysteme überschneiden, wenn Kriegseinsätze unter dem Vorwand der humanitären Hilfe schön geredet werden, oder wenn Spekulanten auf den Finanzmärkten Lebensmittelpreise in die Höhe treiben und somit Hungersnöte in politisch und ökonomisch unstabilen Ländern auslösen. Wie werden Mechanismen der Ausbeutung legitimiert und maskiert, welche Scheinargumente tauchen in diesem Kontext immer wieder auf, und durch welche Gegenmechanismen kann diese Art der Beutegenerierung verhindert werden?


Lara Baladi

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Hope (Amal), 2008-09

Dia- and Soundinstallation, booklets

„Etwa 40 Prozent der Stadt Kairo bestehen aus den „aswa'iyat" (wörtlich ‘willkürliche Dinge’), in diesem Kontext gemeinhin übersetzt als ‘informeller Wohnungsbau’. Die illegal errichteten Slums breiten sich in und um Kairo herum aus. Diese Stadt besteht aus endlosen Reihen nahezu identischer Bauten aus Ziegelsteinen und Beton, aus langen Strecken oftmals fensterloser Türme, willkürlich hingesetzten wilden Bauten, bei denen alle kommunalen Ausstattungsmerkmale fehlen.“
- Lara Baladi)

Informeller Wohnungsbau kann als Ausdruck und als Reaktion auf politische Beutegenerierung und Korruption gesehen werden. Formeller Wohnungsbau ist oftmals traditioneller Spielball korrupter Vernetzungen von Baufirmen und politischen Eliten. Tausende von in Kairo gebauten Wohnungen stehen leer, da sie für einen Großteil der Bevölkerung nicht leistbar sind. Informeller Wohnungsbau ist die Konsequenz aus informellen Arbeitsverhältnissen oder Arbeitslosigkeit, die wiederum Teil von Bereicherungsmechanismen sind. Diese aswa'iyat sind improvisierter Lebensraum aber dennoch oft soziales Umfeld, das auf unterschiedliche Weisen organisiert sein kann. Asef Bayat und Eric Denis weisen auf den sozialen und ökonomischen Aspekt der aswa'iyat hin, die ihre BewohnerInnen mit leistbaren Wohnungen, Essen, Schulen, Krankenhäusern und Hoffnung versorgen. (Vergl. Alajees Blog: „Who is afraid of …“ von Asef Bayat und Eric Denis, www.alajeel.wordpress.com).


Jan Peter Hammer

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The Anarchist Banker, 2010

Videoinstallation, 30 min

The Anarchist Banker bezieht sich auf die gleichnamige Kurzgeschichte von Fernando Pessoa. Jan Peter Hammer inszeniert Pessoas Dialog zwischen einem Banker und seinem Sekretär als Interview zwischen dem Banker Arthur Ashenking und dem TV Moderator Dave Hall. Der Name des Bankers ist ein loser Verweis auf Artur Alves dos Reis, der Pessoa zu seiner Kurzgeschichte anregte. Dieser war durch Betrügereien im großen Stil für die Abwertung des Escudo und in Folge für den Vertrauensverlust in die erste Portugiesische Republik verantwortlich, die gestürzt wurde und eine zwanzigjährige Diktatur folgte. Jan Peter Hammer adaptiert in seiner Inszenierung den ursprünglichen Dialog, um auf neoliberale Praxen der Finanzmärkte und auf die daraus resultierende aktuelle Krise zu verweisen. Die Logik des Bankers, mit der er den Kern seiner ökonomischen Philosophie enthüllt, stimmt mit Pessoas Original überein und zeigt die sich immer wiederholende Argumentationslinie in der Verteidigung von „rationalem Egoismus“ und unverfrorenem Individualismus. Der Banker rechtfertigt puren Materialismus und Eigennutz mit einem Freiheitsbegriff der einzig auf den eigen Profit abzielt und Marktfundamentalismus meint. Eine überlieferte Scheinargumentation, um Ausbeutung und Beutemechanismen nicht nur zu rechtfertigen und zu legalisieren, sondern auch als einzig richtiges privates wie gesellschaftliches Lebenskonzept zu verkaufen.


Lina Khatib

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Fallin' Dictators, 2011

Videoinstallation

Lina Khatib zeigt in ihrem Video Fotografien von Werbeplakaten der gestürzten oder im Sturz begriffenen nordafrikanischen Langzeit-Diktatoren. Sie stellt den Fall der Diktatoren als direkte Konsequenz des arabischen Frühlings dar, mit dem Verweis auf die Doppelbedeutung des englischen Wortes fall von Sturz und Herbst. Zine El Abidine Ben Ali, Muhammad Hosni Sayyid Mubarak, Muammar Gaddafi und Bashar al-Assad lächeln vertrauensvoll von den Plakaten, begleitet von Werbesprüchen wie „Wo immer Du auch bist, Du bringst Glück und Schönheit“ (Gaddafi Plakat), oder „Für Demokratie und Stabilität“ (Mubarak Plakat). Die Selbstinszenierung der Diktatoren als vertrauenswürdige Regierungschefs offenbart deren Allmachtsphantasien und Realitätsverlust. Die Meister der skrupellosen Beutegenerierung inszenieren sich als patriarchale Vaterfiguren, Erlöserfiguren, Männer von Welt, etc. und verstecken hinter diesen unterschiedlichen Posen, Systeme von Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt.


Maryam Jafri

Maryam Jafri Link

Siege of Khartoum (1884), 2006

A1 Foto-Collagen Poster

Maryam Jafri verwendet zu Ikonen gewordene Aufnahmen aus dem Irakkrieg und kombiniert sie mit archivarischen Texten aus den Zeitungen „The New York Times", „The Daily Telegraph" und „The Times". Die Zeitungsartikel stammen aus der Zeit des späten 19. Jahrhunderts, aus der Hochblüte des britischen Empire und reichen bis zur aktuellen Berichterstattung 2006. Maryam Jafri kombiniert beispielsweise Bilder der Gefangennahme Saddam Husseins mit Winston Churchills journalistischen Texten, die er während des Kampfes mit den Mahdisten im Sudan (1898) schrieb, oder mit Berichten über den Versuch der Briten den Mau Mau Aufstand in Kenya (1950) zu unterdrücken, oder mit anonymen amerikanischen Kriegsberichten über die Kämpfe auf den Philippinen (1920er Jahre), in Vietnam (1960er Jahre) und in Panama (1990er Jahre). „Siege of Khartoum, 1884" (Belagerung von Khartoum, 1884) steht konkret für den Widerstand der Mahdisten gegen die anglo-ägyptische Herrschaft im Sudan und kann generell als Metapher des Widerstands gegen Unterdrückung gelesen werden. Maryam Jafri stellt Bezugssysteme zwischen historischen und aktuellen Eroberungskriegen her und macht diese überlieferten Handlungsmuster kolonialer Beutegenerierung inklusive deren medialen Techniken der Berichterstattung sichtbar.


Candida TV/ D Media

Candida TV/ D Media Link

Made in Italy, 2006

Video, 25 min

Candida TV / D Media stellen in ihrem Film 16.000 italienischen Firmen, die ihre Produktionsstätte nach Rumänien verlegt haben, zwei Millionen rumänische MigrantInnen in Italien gegenüber. Der Film reiht unterschiedliche, oft widersprüchliche Sichtweisen und Haltungen aneinander: Italienische Businessmen, Gewerkschafter, einheimische ArbeiterInnen und rumänische MigrantInnen berichten über ihre jeweiligen Erfahrungen und Lebensbedingungen. Konzerne verlegen ihre Produktionsstätten seit Jahren in Billiglohnländer, um kostengünstig produzieren zu können und um wenig bis keine Steuern zahlen zu müssen. Die Steuerbefreiung von Konzernen ist Produkt neoliberaler Wirtschaftspolitik und einer der Hauptverursacher der Finanzkrise inklusive der daraus resultierenden Sparpaketexzesse. Beute wird doppelt generiert, durch die Ausbeutung billiger, oft migrantischer ArbeitnehmerInnen und durch steuerliche Begünstigungen.


Joanne Richardson & David Rych

Joanne Richardson & David Rych Link

Red Tours, 2010

Video, 48 min

Joanne Richardson und David Rych beschäftigen sich mit Übergangsprozessen vom Kommunismus in den Kapitalismus und dem oftmals unreflektierten systemischen Wandel der Ideologien. Gedreht wurde „Red Tours" in Budapest, Prag, Vilnius und Berlin, in Themenparks, Geisterbahnen und Mitmach-Museen, denen die Darstellung, Interpretation und Sichtweise auf die Sowjetzeit überlassen wird. Es herrscht kollektive Verdrängung, Aufarbeitungsprozesse der jüngsten Geschichte finden nicht statt und werden auf die Darstellung in musealen und touristischen Erlebniszonen reduziert. Kommunistische Geschichte wurde und wird pathologisiert, um Freiräume für neoliberale Systeme zu schaffen und deren Praxen nicht in Frage zu stellen. Eine Begleiterscheinung dieser ideologischen Matrix, die alles auf Ökonomisierungsprozesse, den Markt und Konsum reduziert, sind Plünderungsmechanismen innerhalb ideeller Systeme: Träume, Geschichte, Erinnerung, Vorstellungen usw. werden zerstört, deren Rückkehr nur in der harmlosen Form der Verkitschung zugelassen (Ostalgie). Auf diese ideellen Systeme haben es alle Ideologien abgesehen, um in private Zonen eingreifen und Kontrolle ausüben zu können. Deren Besetzung erfolgt nach der Eroberung.


Unterstützt von:

BM:UKK
MA 7 - Interkulturelle und Internationale Aktivitäten
Kulturstyrelsen, Danish Arts Council
Arbeiterkammer Wien




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