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Bei unerwarteten Wendungen Unmögliches einfordern

AUSTELLUNGSDAUER: 4. Oktober - 27. Oktober 2017

ERÖFFNUNG: 3. Oktober 2017, 19.00-21.00 UHR

PROJEKTKURATORINNEN:Gülsen Bal & Walter Seidl »

Teilnehmende KünstlerInnen:

Zanny Begg & Oliver Ressler
VALIE EXPORT
Adela Jušić
Thaer Maarouf
Cengiz Tekin

Venue:
philomena+
a project room for collaborations between the MENA-region and Austria, Europe
Heinestraße 40
A-1020 Vienna


In einer Welt, in der Unmögliches möglich erscheint, das längst verdrängt geglaubte Unterbewusste an die Oberfläche tritt und sich eine Extrem Rechte zu radikalisieren scheint, sind KünstlerInnen umso mehr aufgefordert, sich möglichen Modellen einer künftigen Weltordnung zu stellen, in der sich ein Anti-Intellektualismus breitmacht und kritisches Denken nicht mehr erwünscht ist. Was kommt nach Trump, Brexit und dem IS? Welche Radikalisierungsformen konstituieren sich und wie ändert sich dadurch der Blick auf eine liberale, offene Gesellschaftsstruktur? Wie können KünsterInnen diese zurückerobern und welcher Konflikt ergibt sich zwischen Fortschritt in Wirtschaft, Technik, Medizin, die uns zwar länger leben aber nicht länger denken lassen?

KünstlerInnen artikulieren stets einen Anspruch nach neuen Modellen zur Vermessung der Welt, um sie aus einer Perspektive betrachten zu können, die weder von herrschenden Machtstrukturen noch von politischen oder religiösen Glaubensvorstellungen bestimmt wird. Solche Vorstellungen verursachen vielfach überraschende Wendungen und drängen Gesellschaften in verschiedene Richtungen, die von der Mehrheit der Stimmberechtigten und/oder der Mehrheit der Bevölkerung oft gar nicht gebilligt werden. Wie Giorgio Agamben 2005 formulierte, sind Gesellschaften und bestimmte Bevölkerungsgruppen stets von Neuem in einem "Ausnahmezustand" gefangen. Dieser Ausnahmezustand hat sich jedoch bis heute fortgesetzt und verwandelt sich zusehends in einen "Katastrophenzustand", der in nächster Zeit nicht so schnell überwunden werden kann.

Die KünstlerInnen der Ausstellung gehen diesen Fragestellungen implizit nach und versuchen verschiedene Modelle zu generieren, die einen anderen Status Quo einfordern, um neue Möglichkeiten und Denkräume zu erschließen, die als Auftakt für weitere dringliche Transformationen dienen und Leerstellen, die durch unerwartete Wendungen gewisse Verluste mit sich bringen, aufzeigen.


Zanny Begg & Oliver Ressler

Zanny Begg & Oliver Ressler Link

Anubumin

Film, 20 min. (2017)

In ihrem vierten gemeinsamen Film fokussieren Zanny Begg und Oliver Ressler auf Nauru, eine winzige abgelegene Insel im Pazifik mit 10.000 EinwohnerInnen. Der Titel "Anubumin" bedeutet auf Nauruisch "Nacht" und symbolisiert eine bestimmte Finsternis, die die Insel umgibt.

Die Arbeit kombiniert eine eigens für diesen Film verfasste poetische Erzählung mit Gesprächen, die mit Whistleblowern in Australien geführt wurden. Die Narration behandelt verschiedene Leerstellen, die für die Geschichte und die Zukunft der Insel prägend sind. Die größte Leerstelle ist physischer Natur: Die Insel ist ein erhöhtes Riff aus Kalkspat und Phosphat auf vulkanischer Grundlage, das ab 1906 abgebaut und nach Australien exportiert wurde, als Düngemittel für die Farmen der früheren Kolonisatoren. Als der Phosphat-Abbau in den 1980ern eingestellt wurde, war Nauru bankrott und 80% der Landfläche unbewohnbar und unfruchtbar. Beim Versuch Einnahmequellen zu erschließen wurde Nauru in den 1990ern zu einem der wichtigsten Orte für Geldwäscherei. Nach dem Verschwinden von Geld und Bodenschätzen beteiligt sich Nauru heute am "Verschwinden von Personen" und beherbergt ein australisches offshore Anhaltelager für Flüchtlinge.

Als Reaktion auf die Kritik an der furchtbaren Menschenrechtssituation im Anhaltelager verschärfte Nauru die Zugangsmöglichkeiten zur Insel drastisch. Vier Whistleblower, die als Ärzte und Krankenschwestern im Anhaltelager beschäftigt waren, beschreiben die institutionalisierten Menschenrechtsverletzungen in den offshore Internierungen. Sie enthüllen eine Wahrheit, die die australische Regierung zu verbergen versucht, indem sie Leute einschüchtert und zum Schweigen bringt.

Heute bedroht eine neue Leerstelle die Insel: Der steigende Meeresspiegel bedroht den Küstenrand, das einzige Gebiet, das den EinwohnerInnen noch zum Leben geblieben ist. Die Leute, die die Wirtschafts- und Politflüchtlinge von heute einsperren, sind möglicherweise selbst die Klimaflüchtlinge von morgen. Die Nacht ist immer kurz vor der Dämmerung am Dunkelsten.

Kamera: William Robertson
Sound-Design: James Brown
Whistleblower: David & Mark Isaacs, Alanna Maycock, Hasantha Gunasekera
Erzähltext: Matthew Hyland & Oliver Ressler
Sprecherin: Renée Gadsden
Tonaufnahme des Erzähltexts, Farbkorrektur und Endbearbeitung: Rudi Gottsberger


VALIE EXPORT

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I turn over the pictures of my voice in my head

Video, 11min, 38sec (2008)

Courtesy: Kontakt. Die Kunstsammlung der Erste Group und ERSTE Stiftung

Video compilation: METANOIA

In der für die Venedig Biennale 2007 konzipierten Performance „The voice as performance, act and body," fokussiert VALIE EXPORT auf ihre eigene Stimme als “widerspenstige, gespaltene Stimme und Naht“, die gleichzeitig ein identitätsstiftendes Moment darstellt, das als Zeichen der Bilder und Symbole dient und eine natürliche Grenze definiert. Das Video „I turn over the pictures of my voice in my head" verschränkt die Dokumentation dieser Performance mit Aufnahmen der Glottis der Künstlerin, die durch ein Laryngoskop sichtbar gemacht werden und eine radikale Schnittstelle zwischen Bild und Ton markieren, die das Unmögliche einfordert und die Bedeutung von Körper, Bild und Sprache in einem künstlerischen Akt hervorhebt.


Adela Jušić

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Sie zog in den Krieg – Original Titel: Ona je otišla u rat

Toninstallation, 6:41 min. (2017)

Adela Jušić legt ihr Hauptaugenmerk auf die antifaschistischen Kämpfe in Jugoslawien und auf die Rolle der Frauen in diesem Kontext. Sie untersucht deren Position in Hinblick auf die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte zwischen dem 2. Weltkrieg und dem Zusammenbruch Jugoslawiens. Dabei geht es auch um den Krieg in Bosnien und der Herzegovina und um die Nachkriegspolitik der Länder Ex-Jugoslawiens. Ihre Arbeit stützt sich insbesondere auf persönliche Erlebnisse und bringt sozial engagierte künstlerische Praktiken zum Vorschein.

Der Text für die Toninstallation „Sie zog in den Krieg" wurde von der Künstlerin selbst verfasst, ist von den Lebensgeschichten der Heldinnen des 2. Weltkriegs aus Bosnien und der Herzegovina inspiriert, und basiert auf dem Buch "Heldinnen" (Žene heroji), das 1967 von Mila Beoković herausgegeben wurde. Die Toninstallation besteht aus Musik und Erzählung und beinhaltet das bekannte Lied der deutschen Faschisten „SS marschiert in Feindesland", das allmählich in das jugoslawische antifaschistische Lied „Padaj silo i nepravdo (Nieder mit Unrecht und Gewalt)" übergeht, und danach wieder auf das erste Lied zurückkommt. Der Text ist allen Frauen gewidmet, die gekämpft haben, und im Kampf um die Freiheit von Faschismus und patriarchaler Unterdrückung gestorben sind.

Tonschnitt von Ilvana Dizdarević


Thaer Maarouf

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Schmutzige Nachrichten

Installation (2017)

Thaer Maarouf behandelt in seinem facettenreichen Projekt Schmutzige Nachrichten die aktuelle Problematik der Migration und Fragen der Asylsuche, mit denen Flüchtlinge konfrontiert sind.

Maarouf hat zwölf Pakete verschickt: An den Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, den Premierminister des Vereinigten Königreichs, den Präsident der Republik Polen, den Präsident der Russischen Föderation, den Präsident der Arabischen Republik Ägypten und an einige Zufallsadressen in Ungarn, Griechenland und im Libanon; alle Pakete beinhalten ein Paar abgenutzte Schuhe von Flüchtlingen. Die Schuhe vermitteln eine symbolische Geste und gehören denen, die auf der Flucht vor Krieg und Tod in der Hoffnung auf ein "besseres" und "sichereres" Leben zahlreiche Grenzen zu Fuß überquert haben. Zugleich beleuchten diese Schuhe das Thema der Migration aus einer frischen und anderen Perspektive und dies sowohl im Hinblick auf ihre materielle als auch immaterielle Beschaffenheit.

„Schmutzige Nachrichten" hat aber noch eine andere Ebene: Die EmpfängerInnen werden aufgefordert, die Schuhe samt einem partizipativen Element weiter zu schicken. Das verhilft ihrer unausgesetzten Bewegung zu einer beinahe unübertrefflichen performativen Qualität, in der das Ziel wichtiger ist als die Ankunft.


Cengiz Tekin

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Normalisierung

C-print, je 90 x 120 cm (2009)

Cengiz Tekin bearbeitet zumeist Themenbereiche wie Familie, Religion, Tradition und Tod bis in ihre innersten Grundzüge und insgeheim auch deren Ursachen, da er durch die Art, wie er diese Themen aufgreift, kleine Risse ermöglicht und andere Perspektiven einnimmt. Seine Kunstwerke besitzen die Qualität einer völligen Unmittelbarkeit, die in einem weiten Spannungsfeld hervorgebracht wird, das von den inneren Angelegenheiten der zeitgenössischen Kunst über die Tagespolitik bis hin zu der Tatsache reicht, dass seine Kunst kritische, engagierte und politische Aussagen trifft.

Seine fotografische Arbeit „Normalisierung" verweist auf die Fragen der geopolitischen Fragmentierung, die uns mit einer Unzulänglichkeit konfrontiert, die vom Rückzug der bestehenden Politik auf eine uneinlösbar gewordene innere Normalisierung verursacht wird. Die Arbeit behandelt einige der schwierigsten Fragen unserer Zeit, indem er den Sinn für das Gemeinsame in scheinbaren Alltagssituationen darlegt. Dabei geht es um Themen, die sich nicht nur auf den Osten sondern auch auf den Westen beziehen, denn der Normalisierungsprozess steht im Zusammenhang mit gefährlichen Aspekten der aktuellen politischen Effekte, die wir tagtäglich als Krankheitsbilder einer Gesellschaft wahrnehmen.


Unterstützt von:

Stadtteilkultur, Interkulturalität und Internationale Angelegenheiten
Kulturabteilung der Stadt Wien
Magistratsabteilung 7 – Bildende Kunst

In Zusammenarbeit mit:

Kontakt. Die Kunstsammlung der Erste Group und ERSTE Stiftung
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