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2018

15.12. – 17.1. - too much, too soon!
ROJEKTKURATORINNEN: Gülsen Bal & Walter Seidl

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2008

Lost in Europe: in the wake of Britain’s inner emigration

AUSTELLUNGSDAUER: 19. Oktober - 9. November 2018

ERÖFFNUNG: 18. Oktober 2018, 19.00-21.00 UHR

PROJEKTKURATOR:Richard Appignanesi »

On site KuratorIN: Gülsen Bal

Teilnehmende KünstlerInnen:

Raphael Appignanesi
Bruce Barber
Haim Bresheeth & Yosefa Loshitzky
Joan Key
Oliver Ressler
Murray Robertson
Gregory Sholette
Amikam Toren
Margret Hoppe

Veranstaltungsort:
Mekan 68
Neustiftgasse 68/1
1070 Wien

Diese Ausstellung wurde von Richard Appignanesi und Gülsen Bal konzipiert und fällt mit dem Erscheinen einer Sonderausgabe des Kunstmagazins Third Text zusammen (publiziert von Routledge Taylor & Francis Group, UK) mit demselben Titel, Lost in Europe: in the wake of Britain's inner emigration, herausgegeben von Richard Appignanesi. Gülsen Bal ist außerdem Mitglied des Beratungsgremiums von Third Text.

Für mehr Information: Third Text


Thematischer Überblick:
 
Thema 1: Innere Emigration
Großbritannien begab sich zum Unfrieden aller auf den Weg der Abspaltung von der Europäischen Union. Die Folgen einer nationalistisch geprägten Abspaltung waren historisch stets problematisch und unvorhersehbar – eine selbsterfüllende Prophezeiung von Understatement, um es schlicht auszudrücken.
Das Ausstellungsprojekt setzt sich primär nicht mit pro- oder anti- Brexit Fragen auseinander, sondern mit dem seltsamen fait accompli, dass Großbritannien nun den Weg der inneren Emigration geht.
Diese innere Emigration bezog sich in der Geschichte vor allem auf die Situation einiger deutscher SchriftstellerInnen, KünstlerInnen und MusikerInnen, die trotz ihrer Opposition zum Nationalsozialismus nach 1933 in Deutschland blieben.
Die innere Emigration der Gegenwart konstituiert sich tatsächlich im Brexit. Natürlich handelt es sich dabei um eine andere Situation, bei der der Aspekt der moralischen Fragwürdigkeit, der früher 1933 mit individuellen Entscheidungen verbunden war, nicht zum Tragen kommt, oder doch?
 
Thema 2: Lost in Europe
Kein Zweifel, meine streitsüchtige Terminologie aus der dunklen Geschichte wirft ihren Schatten quer über die Nation. Der zentrale Aspekt lautet – für jene KünstlerInnen und SchriftstellerInnen, die auf die Einladung reagieren wollen – Stellung zu der Frage zu nehmen: Wohin wird diese innere Emigration Großbritannien führen? So paradox dies erscheinen mag, irgendwohin Lost in Europe. 
 
Thema 3: Fast Amerika
Separatismus ist von der Angst vor einem gewaltigen Zusammenstoß geprägt, der unausweichlich in unseren globalen Umständen sozialer, kultureller und ökonomischer Ungleichheit inhärent ist. Die größte Mischform kultureller Ambiguitäten und direkt ausgeübter Macht ist Amerika – der weitreichende Amerikanische Traum – auch wenn dieser mittlerweile sehr geschmälert wurde. „Fast Amerika“ meint unsere eigene sich immer weiter ausbreitende Küste. So klang dies in meinem heimatlichen, separatistischen Quebec der 1960er-Jahre:
 
                                 Dans ma ville grise de Presqu' Amérique
                                 Je m'ennuie
                                 [...]
                                 Un pouce et demi en haut des Etats-Unis
,,,
 
                                 In my grey city of Nearly America
                                 I grow bored
                                 [...]
                                 An inch and a half up from the United States...
 
Presqu' Amerique, „Fast aber nicht ganz Amerika“, wie der Dichter und Chansonnier Robert Charlebois aus Quebec ironisch beklagt, ist auf der Karte „ein paar Zentimeter von den USA entfernt“, und nur eine Fingerbreite von der kulturellen und ökonomischen Auslöschung.




Raphael Appignanesi

Raphael Appignanesi Link

London Waiting, Kupfer-Kaltnadelradierung, Edition aus 30 Teilen (2018)

Chequered, Zweifarben-Lithografie, Edition aus 50 Teilen (2018)


Der Titel London Waiting spielt auf den Ausdruck ‚London weighting‘ an, also die finanzielle Unterstützung, die gezahlt wurde, um wichtigen ArbeiterInnen zu helfen, mit den höheren Lebenshaltungskosten in London klarzukommen. ‚Waiting' klingt wie ‚weighting', aber bezieht sich auf die Erwartung einer urbanen Katastrophe.
 
Die Arbeit Chequered wurde von Arthur Schopenhauers Parabel der Stachelschweine inspiriert: „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder von einander entfernte. Sobald das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.” Die Passage scheint einen zentralen Aspekt der beiden Brexit-Pole von Anziehung-Abstoßung zu berühren.




Bruce Barber

Bruce Barber Link

Party without party

Variable wandgroße Projektion (2017)

Barbers detourning (Veränderung) der ursprünglichen surrealistischen Karte ist ein situationistisches Unterfangen und hat mit der Frage des Baus zweifelhafter Barrieren wie der „Trump Wall“ zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko zu tun, sowie der Aufgabe der offenen Grenzen, die in dem von Charles de Gaulle initiierten Euro-Projekt implizit sind, deutlich in seiner Aussage „Europa vom Atlantik bis zum Ural“, die 1967 ganz dezidiert noch Großbritannien einschloss. Die Aussage war bei vielen europäischen Führern verpönt (einschließlich Chruschtschow). Auf De Gaulles Anmerkung über die Europäische Union im Kontext von „Männer können Freunde haben, Staatsmänner nicht”, „Les hommes peuvent avoir des amis, pas les hommes d'Etat." (in Interview, 9. Dezember 1967) wird heute zunehmend in den ,post-Brexit' Diskussionen Bezug genommen. Ich glaube, dass meine subtile Umarbeitung der surrealistischen Karte mit einem Fokus auf der europäischen (dis)Union und/oder den Geistern von Marx... „a [new] Spectre is Haunting Europe“ gut in den Kontext der Lost in Europe -Themen passt.  Wandzeichnung/Gemälde, Radierungen und Zeitraffer-Video-Dokumente sind Teil beider Projekte.



Link: Spectres of Marx





Haim Bresheeth & Yosefa Loshitzky

Haim Bresheeth & Yosefa Loshitzky Link

Memory Box: The Last Honeymoon in Europe

Video-Arbeit in Progress (2018)

I am and I am not European
I am and I am not Jewish
I am and I am not Israeli


Im Juli 1995 machten sich Yosefa Loshitzky und Haim Bresheeth (žabner) auf ihre Hochzeitsreise nach Europa. Für Haim und Yosefa, zwei israelische DissidentInnen, die in London lebten, handelte es sich dabei um keine gewöhnliche Reise. Zu den vorhersehbareren, konventionell attraktiven Orten wie das französische Land, die Schweizer Alpen und ähnliche kamen Besuche der Lager Treblinka, Majdanek und Auschwitz-Birkenau wie auch der Geburtsorte ihrer polnisch-jüdischen Familien, die von den Nazis ausgelöscht wurden: Sokolow Podlaski in Nordost-Polen, der Herkunftsort von Yosefas Familie, und Ostrowiec świętokrzyski in Galizien, woher Haims Eltern stammen. Das Aufspüren der Herkunft ihrer verlorenen Familien und der Besuch einiger Orte, an denen sich ihre Eltern während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufgehalten hatten, vor ihrer Auswanderung in das Britische Mandat Palästina (das später zu Israel wurde), entwickelte sich für Haim und Yosefa zu einer Reise auf den Spuren ihrer Wurzeln in jene Leere, die von der Auslöschung des europäischen Judentums hinterlassen wurde. Nach der Rückkehr in ihr Heim in London gestalteten und bauten sie einen Erinnerungskasten, in dem jede Abteilung visuell und symbolisch einen Erinnerungsort ihrer Reise darstellt (Lieu de memoire). Yosefa und Haims bittersüße Flitterwochen nach Europa erstehen in dem Video ihrer Erinnerungsbox zu neuem Leben „The Last Honeymoon in Europe“, welches diese Orte persönlicher und kollektiver Erinnerung erkundet und das konventionelle Verständnis und die Annahmen darüber hinterfragt, was es bedeutet, eine nicht-jüdische Jüdin, ein ehemaliger Israeli und ein anti-zionistischer Jude im zeitgenössischen Europa zu sein.


Link: The Last Honeymoon in Europe


Joan Key

Joan Key Link

Belgique

Video, 12' 03" (2016)


Die Videoarbeit Belgique basiert auf der Küstengrenzlinie Europas und erinnert an Marcel Broodthaers und René Magritte, neben ihrer Verankerung in der Kolonialgeschichte, sowohl der belgischen wie auch der weiter gefassten, wenn ich an die Beschreibung der rostenden Ruinen entlang der Themse zu Beginn von Conrads Heart of Darkness denke. Die Arbeit wurde am 20. Juni 2017 vollendet, am Tag des fehlgeschlagenen terroristischen Bombenanschlags im Bahnhof von Brüssel, der eine eher tragische auch in den Bildern deutlich werdende Atmosphäre bestätigte. Die Bilder wurden unter unterschiedlichen geschichtlichen und meteorologischen Bedingungen über drei Jahre hinweg aufgenommen.


Oliver Ressler

Oliver Ressler Link

Stranded

Variable Größe, Fotografien (2015)


Die Fotoserie Stranded zeigt Männer, die bewegungslos an einem leeren Strand liegen. Aber anders als Flüchtlinge tragen diese Männer Geschäftsanzüge, die standardisierte Kleidung von Politikern und Managern. Ihre Körper befinden sich zum Teil im Wasser, zum Teil am Land; sie sind offenbar gestrandet. Diese Bilder könnten als Darstellung der Verantwortlichen für jene Politik gesehen werden, die bewirkt, dass Flüchtlinge ertrinken. Die aktuellen Maßnahmen der Europäischen Union gehen über die „Abschreckung von Flüchtlingen“ hinaus. Heute macht sich die EU die Katastrophe zunutze, die sie selbst verursacht hat (durch ihre Unterstützung für Diktatoren, politische Intervention in Aufständen, kontinuierliche Kriege gegen den Terror und die wirtschaftliche Strangulierung Afrikas und des Nahen Ostens), um eine neue militärische Intervention hinter dem Rücken der Bevölkerung vorzubereiten.


Murray Robertson

Murray Robertson Link

Là Buidhe Bealltainn/Fantastachd Ìmpireil (May Day/Imperial Fantasy)

Digitaler Pigmentdruck, Bildgröße 56 x 76 cm, Papiergröße 86 x 66 cm, Edition aus 20 Teilen (2018)


Die Arbeit präsentiert Terzette aus ‚Là Buidhe Bealltainn‘ von Rody Gorman in einer visuell totemischen Form, die die älteren Vibrationen in den Worten des gälischen Poeten wieder aufnimmt. Die Wirkung wird von der breiter angelegten Serie ,schottischer’ ikonografischer Bilder verstärkt, die von den Vorstellungen ,imperialer Fantasie’ beeinflusst sind, die durch die Schlammfluten der Brexit-Diskussion und die Nachwehen rund um die schottische nationale Identität und Macht der Demokratie nach den jüngsten Referenden über die Zukunft der Nation zum Vorschein kamen. Eine hybride Actaeon/Charles Edward Stuart/Landbesitzer-Figur und Brittania (aus Walter Cranes gelegentlich subversiver ‚Imperial Federation Map of the World Showing the Extent of the British Empire in 1886’) walten über das visuelle Interplay. Jegliches Narrativ zur Begleitung liegt im Ermessen der BetrachterInnen.


Gregory Sholette

Gregory Sholette Link

Diptychon: La Familia $rump & The president that we deserve?

Unterschiedliche Größe, Typ-C Drucke (2017)


1898 und erneut 1943 fälltdas US-Militär in die Philippinen ein; 1890 überfallen die US-Truppen Argentinien; 1891 marschieren sie in Chile ein; 1891 in Haiti; 1894 marschieren sie in Nicaragua ein; 1898 war die US-Navy in Kuba und Puerto Rico; 1903 überfällt die Marine Honduras; 1906 waren amerikanische Truppen in Kuba; 1907 wieder in Nicaragua (auch 1910, 1912–1933); 1923 waren US-Truppen in El Salvador; 1947 in Uruguay; 1954 in Guatemala; 1950 gab es ein US-Militärmassaker ziviler Flüchtlinge in No Gun Ri Korea; 1968 fand ein US Militärmassaker von Zivilbürgern in My Lai Vietnam statt; 1983 fallen US-Truppen in Grenada ein; 1988-1990 überfallen die U.S. Air Force und Truppen Panama; 1992–1995 erfolgt eine US-geführte Intervention in Somalia; 2003 fällt das U.S.-Militär im Irak ein; 2002 führen die Vereinigten Staaten bis heute fortlaufende Drohnenangriffe und Sonderoperationen im Jemen, in Somalia, in Libyen, in Afghanistan, im Irak, im Iran und in Pakistan durch. What if we have seen the enemy and they is us?


Amikam Toren

Amikam Toren Link

Armchair Painting: no place like home

Gemälde, 73 x 88 cm (2016)


Armchair Painting gehört zu einer fortlaufenden Serie an Arbeiten, die 1989 allesamt als Armchair Paintings bekannt wurden. Toren kauft, Second-hand‛ Gemälde und schneidet den Text dann in die Bildebene. Die Sprache stammt aus verschiedenen Quellen: Graffiti, Beschilderung oder überhörte Sätze und die dissonante Kombination aus Text und Bild, die neue Bedeutung schafft. Toren bezieht sich auf diese Arbeiten als ‚angepasste Ready-mades‘ – gefundene Objekte, die er verändert, um Bedeutung herzustellen.


Margret Hoppe

Margret Hoppe Link

Südwall

Von unpublizierten Fotografien: Work in Progress (2017)


Mit Paul Virilios kritischer Arbeit über die deutschen Bunker des ,Atlantikwalles' des Zweiten Weltkrieges sind wir vertraut. Margret Hoppe hat ursprünglich den weniger bekannten, ,Südwall’ erforscht und fotografiert, den Bunker der deutschen Verteidigungstruppen entlang der Küste des Mittelmeeres, in der Nähe von Marseilles. Zusammen mit diesen hat sie eine Serie leerer Räume dokumentiert und einen Ort mit Ruinen, an dem Flüchtlinge der Gestapo und des Vichy-Regimes während des Krieges versteckt waren. An diesen Orten betrieb Varian Fry, ein junger Herausgeber aus New York, sein Emergency Rescue Committee.


Unterstützt von:

Stadtteilkultur, Interkulturalität und Internationale Angelegenheiten
Magistratsabteilung 7 – Bildende Kunst
ERSTE Foundation

In Zusammenarbeit mit:

cyberlab
ARUCAD - Arkin University of Creative Arts and Design




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