Das
Projekt Structures of Radicality - Strukturen der Radikalität
stellt Modelle der Bedingungen zeitgenössischen Kunstschaffens inmitten
eines marktorientierten Produktionssystems zur Diskussion: Möglichkeit(en),
gegenwärtig noch progressiv bzw. radikal Position beziehen zu können.
In den letzten Jahren schien es als ob sich jene Kunstproduktion, welche
sich primär an Markt und eigenem Marktwert orientiert, von jener,
die eine kritische Position einfordert und in Nischen jenseits der dominanten
Kunst & Kultur-Institutionen rückt, immer mehr unterscheidet.
Das Ausstellungskonzept konzentriert sich auf Werke, die hegemoniale Strukturen
hinterfragen, und verweist auf die Notwendigkeit einer ästhetischen
und politischen Perspektive und Haltung, die ausserhalb jeglicher Massentauglichkeit
operiert.
Welches sind die regulativen Standards einer neoliberalen Politik, die
dem Individuum abverlangt, dass es sich in einer Welt bewegt, die dem
Diktat ökonomischer Ausbeutung folgt? Warum bedarf es jedes Jahr
einer Steigerung der Umsätze großer Unternehmen um die Kluft
zwischen den Superreichen und den Armen kontinuierlich zu steigern? Welche
Benefits bieten Steuerparadiese wie etwa Jersey, durch dessen Finanzdienstleistungen
Billionen von Dollar verwaltet werden, deren Besteuerung in den einzelnen
Ländern eine bessere Infrastruktur sowie Benefits für gesellschaftlich
weniger mächtige Gruppen von Leuten bringen würden? Die jüngste
Finanzkrise zeigt, wie spielerisches Verhalten auf hohem Niveau die Weltwirtschaft
wie ein Dominoeffekt in eine Abwärtsspirale drängt. An dieser
Stelle befinden sich KünstlerInnen umso mehr auf der Suche nach Alternativen
gegenüber den dominanten, politisch und wirtschaftlich einschränkenden
Kräften.
Können überhaupt noch Lösungen für die auftauchenden
Probleme gefunden werden? Die Arbeiten der Ausstellung setzen sich mit
Themen von Zwangsmigration, urbanen Veränderungen aufgrund der wirtschaftlichen
Deregulierung und der medialen Wahrnehmung von vermeintlich normativen
gesellschaftlichen Auswirkungen auseinander. Mit den Medien Fotografie,
Video und Malerei werden gegenwärtige Diskurse von Macht analysiert
und der Frage nachgegangen, wie Anti-Strategien und radikale Interventionen
in das dominante kapitalistische System möglich gemacht werden können.
I
m Verweis auf die Mechanismen global bedingter Ein- und Ausschlussverfahren
hinterfragen die Arbeiten die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit
des Überdenkens von Modellen sozialer Performanz und den notwendigen
Schritten für politische Interventionen.
WE
DECLARE: SPACES OF HOUSING | 2008
Wandtapete, Posters, Video
In der Konfrontation mit Architektur als Träger der Signifikanz einer
Region stellen die Arbeiten Bitter/Webers eine Schnittstelle
zwischen Architektur, Medientechnologie und Repräsentaionssystemen
her. Bitter/Webers Fotografien und Videoarbeiten kreieren ein Feld der
Auseinandersetzung mit urbanem Raum als sozialem Feld, als politischen
Diskurs. Im selben Moment wird die gegenwärtige Tendenz einer Image-Politik
diskutiert, die als Cluster visueller Praktiken agiert - als Instrument
zur Organisation von Öffentlichkeit, als Instrument der Konstruktion
ihres Spiel- und Aktionsraums und dessen Chroniken.
Die in Vancouver und Wien arbeitenden KünstlerInnen Sabine Bitter
und Helmut Weber präsentieren We Declare: Spaces of Housing,
ein Projekt, das sich mit jenen Orten und Institutionen auseinandersetzt,
in denen Entschlüsse und Deklarationen über den Zugang zu Wohnmöglichkeiten
gefällt werden (von lokalen Gemeinschaften, Bezirks- und Landeshauptstädten
bis zu der UN). Dieses ortspezifische Projekt transferiert jene Räume
von symbolischer und realer Macht mittels einer großen, fotografisch
ausgerichteten Wandtapete in den Ausstellungsraum.
Durch Veränderung der Proportionen dieser Räume werden sie in
einen neuen Zusammenhang gestellt. We Declare verweist auf die Differenz
zwischen dem was Henri Lefebvre die Repräsentation von Orten und
Orte der Repräsentation nannte.
Am Beginn dieses Projektes steht die aktuelle Krise um die Verteilung
von Wohnmöglichkeiten in Vancouver (die an die Krise, die mit den
kommenden olympischen Spielen verbunden sein wird, anknüpft). Andererseits
stellt sich die Frage nach dem Potential einer sozial geprägten künstlerischen
Praxis in einer Stadt, die sowohl „kulturalisiert“ als auch
„globalisiert“ ist. We Declare nähert
sich diesen Themenfeldern mit dem Verständnis an, dass die Situation
in Vancouver spezifisch für die Art und Weise ist, wie sich diese
Krise im Laufe der Jahre entwickelt hat und Teil einer globalen Bewegung
wurde, die Besitzrechte über das Recht eines soliden Wohnens stellt.
COME
TOGETHER | 1984/97, Fotografie / Leuchtkasten
PROBLEM ODER LÖSUNG? | 2005-08, Videos
In ihren fotografischen Projekten, Installationen und Videoarbeiten untersucht
Petra Gerschner die Konstruktionen geschlechtsspezifischer,
kulturalistischer und rassistischer Zuschreibungen sowie Machtverhältnisse,
die sozialen Ein- und Ausschluss generieren. Mit performativen Interventionen
versucht die Künstlerin Perspektiven subversiven, kollektiven Handelns
zu entwickeln und fragt nach der Potenzialität künstlerischer
Strategien und Formen der Einmischung in aktuelle gesellschaftliche Prozesse.
Die Foto- und Videoarbeiten aus dem Zyklus History is a Work in
Process (Come Together) und Problem oder Lösung?
thematisieren, wie die zunehmende Medialisierung von Politik
und die Omnipräsenz der Werbung unsere Vorstellung von der Wirklichkeit
formen. Auf vorhandene Bildkonstruktionen antwortet Gerschner mit eigenen
Inszenierungen. Sie macht dadurch die Methoden und Strategien von Systemen
sichtbar und lässt neue Bedeutungs- und Wirklichkeitsebenen entstehen.
In den jeweiligen Folgen ihres doku-fiktionalen Videomagazins Problem
oder Lösung?, das gesellschaftspolitische Fragestellungen
in jeweils fünfminütigen Beiträgen thematisiert, befasst
sich Gerschner mit der Funktion des aktuellen Sicherheitsdiskurses und
der Debatte über die Anwendung von Folter als Mittel der Politik.
Es gibt auf der Welt keinen Friedenszustand mehr, der ohne Krieg auskommt:
Krieg heißt Folter, Zivilisation durch Folter, Foltern für
den Frieden. Welche Strategien können die herrschende Logik von Krieg,
Folter und Zerstörung durchbrechen?
Der Leuchtkasten mit der Aufschrift „Come Together“
vermittelt das Gemeinschaftsgefühl von Demonstrationen, die sich
gegen politische Missstände richten. Durch die Verwendung eines Leuchtkastens
und eines Slogans, den die Zigarettenmarke Stuyvesant einst postulierte,
greift Gerschner auf Mittel der Werbung zurück, die in diesem Fall
jedoch als subversive und anti hegemoniale Strategie verstanden werden
muss.
HI-RES | 2006
Video
Die
Videoarbeiten von Marina Grzinic/Aina Smid liefern eine
Synthese der Arbeit mit einem Medium, das die Grenzen der objektiven Realität
potentiell transzendiert. Diese Transzendierung des Konstrukts, der Fiktion,
wird möglich durch die Matrix kultureller, sozialer und politischer
Praktiken.
Ihre Arbeiten ermitteln den Status dominanter Ideologien, der eklektischen
Mischung postmoderinstischen und postsozialistischen Denkens. Wege aus
dem Dilemma der historischen Konditionierungen werden sichtbar in der
Balance aus philisophischen Fragen und visuellen Fragmenten.
Das Video basiert auf der Tanzperformance HI-RES von
Maja Delak and Mala Kline und beruht auf Grzinics/Smids kommentatorischem
Ansatz, bei dem SchauspielerInnen und ErzählerInnen aus dem Off die
Handlung mit Kommentaren auf Basis philosophischer Grundlagen ergänzen.
Die Farbe rot wird zu einem dominierenden Element nicht nur in der Kleidung
der Tänzerinnen sondern auch der Musiker Stefan Geissler/Jakob Ortis,
die gegen Ende des Videos eine französischsprachige Coverversion
der britischen Punkband Sex Pistols über Anarchie zum Besten geben.
Das zentrale Thema, um das sich die Handlung dreht, ist die Verbindung
zwischen Kunst und Leben. Am Anfang des Videos wird vor allem die Verhältnismäßigkeit
zwischen Leben und Tanz diskutiert. Ähnlich wird das Verhältnis
zwischen Kunst und Leben verhandelt und wie diese beiden Entitäten
einander beeinflussen. Wie kann Kunst Politik beeinflussen und Politik
Kunst? Diese Frage wird von einem der beiden Musiker im zweiten Teil des
Videos sinngemäß mit folgendem Satz beantwortet: „Wir
brauchen keine Ghettoisierung der Kunst sondern eine gegenseitige Durchdringung
von Kunst und Politik“. Das Grundproblem, das aus dieser Konstellation
resultiert ist die Existenz des Kunstmarktes, ein mittlerweile unabdingbares
Phänomen.
HYBRID
URBANITIES | 2006/2008
Acryl auf MDF-Platten, je 60 x 90 cm
Mit dem Medium der Malerei nähert sich Andrea Ressi
der Thematik von urbanen Veränderungsprozessen, die sich im Zuge
globaler Assimilierungsversuche manifestieren. Die Künstlerin hinterfragt
dabei das Potenzial von Architektur und Stadtplanung, Gegenmodelle bzw.
–orte zu entwickeln, die sich dem Prozess der gesellschaftlichen
und politischen Normierung entziehen. Dabei arbeitet Ressi mit der Semiotik
der Werbung, die sie in ihre Malerei überträgt um gegenwärtige
Formen der Medialität, wie etwa die Ästhetik der Billboards,
aufzugreifen, jedoch deren Oberfläche zu durchbrechen und dabei die
Bedeutungsebenen gegenwärtigen visuellen Denkens zu ergründen.
Hybrid Urbanities - Fragments of the Global City analysiert
urbane Entwicklungen und Strukturen in den globalen Städten von heute.
Im Zentrum des Interesses stehen die Widersprüche und Begegnungen
mit und innerhalb der neu etablierten Erste Welt Strukturen in der Dritten
Welt. Das Aufeinanderprallen solcher ökonomischen Prozesse mit traditionellen
Strukturen und Lebensvorstellungen kann in den Konflikten zwischen multinationalen
Unternehmen und der lokalen Wirtschaft/den grauen Marktzonen, bewachten
Siedlungen und traditionellen Wohnbereichen/Slums, Copyright und Recycling
Kulturen, Shopping Malls, oder traditionellen Basars beobachtet werden.
Die Auswahl an Bildern aus der instabilen Grenzzone zwischen Globalisierung
und lokalen Traditionen führt zu einer alternativen Repräsentanz
globaler Urbanität als fragmentierter Ort voller Widersprüche.
Diese Idee wird durch die Textfragmente in der Malerei verdichtet und
konkretisiert. Die Texte und Bilder werden sehr reduziert präsentiert
und kennzeichnen die Sprache global verwendeter Piktogramme bzw. urbaner
Zeichen. Das Arrangement der einzelnen Bildteile ist flexibel und korrespondiert
mit den sich ständig verändernden und in Bewegung befindlichen
Städten, die unterschiedliche Einblicke in globale Stadtstrukturen
bieten und verschiedenen Kontexten und Situationen neue Bedeutung verleihen.